Im Jemen stehen die Ansarallah-Rebellen vor entscheidenden Gebietsgewinnen

Historisches Desaster

Mit schweren Luftangriffen versucht Saudi-Arabien, die drohende Niederlage im Jemen aufzuhalten. Dutzende Luftangriffe gab es letzte Woche auf die Hauptstadt Sanaa und Ziele in den Provinzen, nahezu tägliche Angriffe in der Region Marib sollten die Ansarallah aufhalten. Diese reagierten mit Drohnenangriffen auf Ziele in Saudi-Arabien. Ahmad Mubarak, der Außenminister der Regierung Hadi, erklärte auf der Sicherheitskonferenz in Manama, die Übernahme von Marib durch die Ansarallah sei ein historisches Desaster.

Saudi-Arabien ist in dem Krieg gegen den Jemen, den es als Krieg gegen den Einfluss des Iran sieht, auf die Unterstützung der USA angewiesen. Die Präsidenten Obama und Trump ließen sich nicht lange bitten. Seit Beginn dieses Krieges vereinbarten die USA – neben logistischer und geheimdienstlicher Unterstützung – Waffenlieferungen an Saudi-Arabien im Wert von 30 Milliarden Dollar. Eine vorübergehende Zurückhaltung wegen der Ermordung des Journalisten Kashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul endete mit den jüngsten Ankündigungen der Biden-Regierung: Die USA wollen Waffen im Wert von 650 Millionen Dollar liefern. Dazu gehört auch Hilfe bei der Abwehr von Drohnenangriffen. Neben den Waffen aus den USA importierte Saudi-Arabien Waffen auch aus anderen Ländern. Dennoch kann der hochgerüstete Staat den Krieg im Jemen nicht gewinnen.
Bezeichnend war ein Vorfall in der Hafenstadt Hodeidah, die von großer Bedeutung für die Versorgung des Landes ist. Die Stadt war 2018 lange umkämpft, eine Waffenstillstandsvereinbarung, die nie vollständig umgesetzt wurde, beruhigte die Situation ein wenig.

Jetzt zogen sich Milizen, die offiziell der von Saudi-Arabien unterstützten Regierung Hadi angehören, völlig überraschend aus Hodeidah zurück. Diese Milizen wurden von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) finanziert und sollten an anderen Fronten eingesetzt werden. Nicht nur die saudische Regierung, auch andere, ebenfalls von den VAE finanzierte Milizen wurden von diesem Schritt völlig überrascht und schockiert. Die Ansarallah übernahmen die verlassenen Stellungen.

Ein Sprecher der saudischen Kriegskoalition versuchte, das Beste aus der Situation zu machen. Er erklärte, der plötzliche Abzug sei in Übereinstimmung mit den „zukünftigen Plänen“ der Koalition erfolgt.

Vor Ort verfolgen die Einheiten, die gegen die Ansarallah kämpfen, völlig unterschiedliche Interessen. Der „Übergangsrat des Südens“ kämpft um die Unabhängigkeit des Südjemen und wird dabei unter anderem von den VAE unterstützt. Die Anhänger des Präsidenten Hadi wollen – unterstützt von Saudi-Arabien – die Kontrolle über den gesamten Jemen erreichen. Die Islah-Partei wurde lange von Saudi-Arabien als Teil der Moslembruderschaft verfolgt, hat aber mittlerweile wegen ihrer Gegnerschaft gegen die Ansarallah gute Beziehungen zum saudischen Königshaus. Auch der IS ist im Jemen aktiv. Und schließlich gibt es Stammesorganisationen, die die Situation nutzen können, um für die Unterstützung einer Seite im Krieg gute Konditionen zu erzielen.

Überraschend gewannen die Ansar­allah die Unterstützung durch Stammesorganisationen in der Provinz Marib. Das brachte sie der Kontrolle über die Provinz und ihre Hauptstadt nach monatelangen Kämpfen einen großen Schritt näher.

Das historische Desaster, das der Außenminister der Regierung Hadi ankündigt, falls die Ansarallah Marib übernehmen, hat Saudi-Arabien mit internationaler Unterstützung mit seinem Krieg schon lange verursacht: Hunger, Tod und Zerstörung eines Landes.

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"Historisches Desaster", UZ vom 26. November 2021



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