Der Krieg gegen den Jemen geht uneingeschränkt weiter

Aufmerksamkeit vorbei

Von Manfred Ziegler

Mehr als Worte es vermögen zeigte ein Bild in der „New York Times“ die Schrecken des Krieges im Jemen – das Bild der siebenjährigen Amal Hussain. Abgemagert bis auf die Knochen liegt sie im Krankenhaus. Selbst Facebook musste seinen ursprünglichen Widerstand aufgeben und zulassen, dass dieses Bild in den sozialen Netzen verbreitet wurde.

Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Bildes war Amal tot. Verhungert. Sie starb nicht, weil es überhaupt nichts zu essen gab. Die Regale in den Läden um das Krankenhaus waren gefüllt. Aber die Preise sind so hoch, dass viele Menschen im Jemen sie nicht bezahlen können.

Denn Saudi-Arabien führt seinen Krieg im Jemen nicht nur mit Bomben. Es führt Krieg gegen die Wirtschaft des Jemen. Eine Seeblockade erschwert die Anlieferung von Waren, die Preise steigen und die Währung verfällt. Zugleich werden die Infrastruktur zerstört und die Arbeitsplätze vernichtet. In den letzten Wochen hat der Zusammenbruch der Wirtschaft ein alarmierendes Ausmaß angenommen. Immer mehr Menschen im Jemen sind auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Der saudische Kronprinz und Kriegsminister Mohammed bin Salman lässt diesen Krieg mit äußerster Brutalität führen.

Nach dreieinhalb Jahren des Krieges mit modernsten Waffen ist es den saudischen Monarchen immer noch nicht gelungen, die Ansar Allah zu vernichten – bei hohen saudischen Verlusten und geschätzten 200 Millionen Dollar täglich, die der Krieg verschlingt. Immer wieder kommt es zu Angriffen im Grenzgebiet zwischen dem Jemen und Saudi-Arabien und immer wieder schießen die Ansar Allah Raketen auf Ziele in Saudi-Arabien ab.

Was dreieinhalb Jahres eines brutalen Krieges nicht geschafft hatten, erreichte der Auftragsmord eines saudischen Kommandos am Journalisten Kashoggi in Istanbul. Der Ruf von Mohammed bin Salman war ruiniert – vorübergehend.

Präsident Trump erklärt, das saudische Militär könne mit den US-Waffen nicht richtig umgehen und US-Verteidigungsminister Mattis und Außenminister Pompeo verlangen von allen Beteiligten einen Waffenstillstand „innerhalb von 30 Tagen“.

Doch der Krieg im Jemen wurde von Anfang an ganz im Sinne der US-Regierung geführt. Er begann wenige Tage, bevor bei Verhandlungen in Lausanne die Grundlagen für das „Atomabkommen“ mit dem Iran geschaffen wurden und sollte wohl ein Zeichen setzen, dass der Konflikt mit dem Abkommen keineswegs beendet sei.

Jetzt ist das Atomabkommen Makulatur – und eine der zentralen Forderungen von Mattis ist, dass die angeblich „vom Iran produzierten“ Raketen der Ansar Allah unter internationale Aufsicht gestellt werden müssten. Sie sind wohl doch eine größere Bedrohung für Saudi-Arabien als immer behauptet.

Geplante Verhandlungen zwischen Saudi-Arabien und der Ansar Allah im September fielen aus: Die UN konnten damals die Sicherheit der Delegation der Ansar Allah nicht garantieren, sie reiste deshalb nicht an. Und der Waffenstillstand „innerhalb von 30 Tagen“ ist in weite Ferne gerückt. Der UN-Sondergesandte Martin Griffiths verschob eine neue Verhandlungsrunde bis Ende des Jahres.

Erneut verstärkte Saudi-Arabien die Angriffe auf die Hafenstadt Hodeidah, die schon seit dem Sommer andauern, es gibt bis zu 200 Luftangriffe täglich. Damit wird die die Versorgung der Bevölkerung noch schwieriger. Die US-Regierung erwägt sogar, die Ansar Allah als „terroristische Organisation“ zu kennzeichnen, was weitere Verhandlungen erschweren würde.

Der kurze Moment der medialen Aufmerksamkeit für den Jemen nach der Ermordung Kashoggis scheint schon vorbei. Das Sterben geht weiter.

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"Aufmerksamkeit vorbei", UZ vom 16. November 2018



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