Wertverlust bei Euro und Dollar greift Löhne und Sparguthaben an

Inflationsangst

Sage noch jemand, die USA seien nicht mehr die führende Kraft der westlichen Werte- und Wirtschaftsgemeinschaft: Mit einem Paukenschlag von jenseits des Atlantik ist die Debatte um eine mögliche Inflation in den USA und EU-Europa in die Schlagzeilen der Wirtschaftspresse zurückgekehrt.

Larry Summers, Harvard-Professor, Berater mehrerer US-Präsidenten und ehemaliger Finanzminister der USA, sowie der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), Olivier Blanchard, warnten Anfang Februar, dass das vom neuen Präsidenten und seiner Finanzministerin Janet Yellen aufgelegte 1,9 Billionen US-Dollar schwere Paket zur Abwendung der Wirtschaftskrise zu einem Inflationsdruck führen werde, „wie wir es seit einer Generation nicht mehr gesehen haben“.

So formulierte es Summers. Seitdem überschlagen sich die Inflationswarnungen nicht nur für die USA. Für Deutschland erklärte Bundesbankpräsident Jens Weidmann gegenüber der „Augsburger Allgemeinen“ Mitte Februar einen Anstieg „auf mehr als 3 Prozent“ für möglich. Spürbar ist das schon jetzt in den Supermärkten, Tankstellen und für jeden, der nach dem Kälteeinbruch seinen Öltank auffüllen muss. Staatliche Maßnahmen wie die CO2-Abgabe, die Wiedererhöhung der Mehrwertsteuer, die bewusste Verknappung von Öl durch die Förderländer sowie die Störungen von Lieferketten im gegenwärtigen Krisenchaos haben ihren Preis.

Die Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Unternehmensaktivitäten, das Aufstauen sowohl von Konsumwünschen als auch das Anschwellen von Sparkonten in der Krise könnten, so argumentieren Summers und andere, zusammengenommen zu einer Situation der Überhitzung nach der Krise und – bei knappen industriellen Kapazitäten – zu stabiler Geldentwertung führen, die sich dann möglicherweise auch nicht mehr auf das Jahr 2021 einhegen ließe.

Sorgen macht eine solche Entwicklung naturgemäß nicht allen – vor allem dann nicht, wenn sich die schleichende Geldentwertung mit einem weiterhin niedrigen Zinssatz für die Schulden mächtiger kapitalistischer Staaten kombinieren ließe. Selbst wenn die Wirtschaft real nicht wächst, würden sich die zurzeit angehäuften Schuldenberge zwar nicht durch reales Wirtschaftswachstum und die damit einhergehenden Steuereinnahmen abtragen lassen, aber in ihrer Bedeutung schrumpfen – die Staatsschulden würden weginflationiert werden.
Diejenigen, die nicht nur dicke Gelddepots in ihren Tresoren, sondern große Ländereien, Mietshäuser, Gewerbeimmobilien haben oder ganze Firmen besitzen, können die Entwertung ihrer Konten durch die reale Wertsteigerung ihres Sachbesitzes ausgleichen.

Für die lohnabhängige Bevölkerung aber sind die gegenwärtig diskutierten Szenarien bedrohlich. Eine nur zweiprozentige Geldentwertung pro Jahr führt schon nach zehn Jahren dazu, dass Sparguthaben oder die angesparte Altersvorsorge von 1.000 Euro dann nur noch einer Kaufkraft von rund 800 Euro entspräche. Ebenso frisst die von der Bundesbank angenommene Preissteigerung von 3 Prozent schon in diesem Jahr jede dreiprozentige Lohnsteigerung komplett auf.

Das ist für die laufenden und anstehenden Tarifrunden wichtig. Für die 3,8 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie hat die IG Metall zwar ein Forderungspaket im Gesamtvolumen von 4 Prozent geschnürt. Aber schon am Beginn der Kämpfe ließ Jörg Hofmann, Vorsitzender der IG Metall, in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ durchblicken, dass seine Organisation zu Abstrichen bereit sei: „Wo die Lage auf absehbare Zeit schwierig bleibt, lässt sich das Tarifvolumen für Arbeitsplatzsicherung einsetzen, zum Beispiel für eine Viertagewoche mit Teilentgeltausgleich.“ Von der Zeitung gefragt, was „die Aussicht auf steigende Inflation für die laufende Tarifrunde“ bedeute, gab Hofmann etwas wortkarg zu Protokoll: „Förmlich nachsteuern müssen wir deswegen nicht.“ In den Tarifforderungen sei im Übrigen die Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank von 2 Prozent bereits berücksichtigt.

Vermutlich wird die arbeitende Bevölkerung in den kapitalistischen Metropolen erst wieder lernen müssen, ihre Lohnkämpfe wie in den 1970ern unter den Bedingungen dauerhaften Wertverlustes ihrer Währungen zu führen. Je schneller, desto besser – die Inflation ist schon da und dabei, sich einzurichten.

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"Inflationsangst", UZ vom 5. März 2021



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