Kampf mit langem Atem

Werner Sarbok im Gespräch mit Thomas Voß

UZ: Wie kam es zu diesem langen Arbeitskampf bei Amazon?

Thomas Voß: Der entscheidende Anstoß am Anfang war die unzureichende Entlohnung. Inzwischen ist das Hauptmotiv der

Thomas Voß ist als Gewerkschaftssekretär im Bundesfachbereich Handel in Berlin zuständig für den Bereich Versand- und Online-Versandhandel.

Thomas Voß ist als Gewerkschaftssekretär im Bundesfachbereich Handel in Berlin zuständig für den Bereich Versand- und Online-Versandhandel.

ver.di-Mitglieder bei Amazon aber: Wir wollen einen Tarifvertrag. Wir wollen mit Amazon auf gleicher Augenhöhe verhandeln. Wir wollen mitwirken und mitgestalten, was Arbeitsbedingungen und auch Entlohnung angeht. Und außerdem wollen wir abschließend einen Vertrag haben, auf den wir uns verlassen können und der auch einklagbar ist.

Bisher ist es so, dass die Verhältnisse bei Amazon sehr unsicher sind und der Arbeitgeber ganz alleine entscheidet, in welcher Höhe er wo welche Lohnerhöhung verkündet oder nicht. Wir haben festgestellt, dass ohne diese Streiks niemals eine Lohnerhöhung kam. Bevor wir streikten, gab es keine Lohnerhöhung bei Amazon.

UZ: Warum lehnt Amazon einen Tarifvertrag ab?

Thomas Voß: Die offizielle Begründung ist eigentlich gar keine. Amazon sagt, wir sind ein guter Arbeitgeber, auch ohne Gewerkschaften und ohne Tarifvertrag, denn bei uns kann jeder Beschäftigte jederzeit zu seinen Führungskräften und Vorgesetzten gehen und seine Beschwerden anmelden. Wir sind eine große Familie eben. Alle haben auch ihre Aktien und sind deswegen Anteilseigner.

Was dahintersteckt, ist aber geradezu eine Phobie von Amazon und grenzt schon an religiöses Sektiererverhalten. Amazon hat eine Phobie gegen alles, was kollektive Interessenvertretung angeht. Sie haben sogar ernsthaft anfänglich versucht, als die ersten Betriebsratsgründungen anstanden, mit rechtlichen Schritten dieses zu verhindern. Sie waren davon überzeugt, dass sie als Anhänger einer amerikanischen Unternehmensphilosophie es nicht nötig hätten, sich auf so etwas einzulassen. Das ging natürlich nicht, und seitdem arbeiten sie mit anderen Methoden und schaffen es durchaus, ihre Leute in die Betriebsräte hinein zu bekommen.

Mit der Tarifpartnerschaft ist es ähnlich. Sie akzeptieren grundsätzlich die Tarifpartnerschaft nicht und wollen deswegen auf keinen Fall an den Verhandlungstisch mit ver.di. Alles andere sind Ausflüchte. Sie sagen, sie orientieren sich an den Logistik-Tarifverträgen. Orientieren heißt ja aber nichts Anderes, als dass sie sich angucken, was da bezahlt wird und sie bezahlen dann nur das, was sie bezahlen müssen, damit sie überhaupt die Leute kriegen, die sie brauchen. Regional wettbewerbsfähige Löhne nennen sie das. Das führt dazu, dass in Koblenz anders bezahlt wird als in Graben oder Augsburg und in Winsen/Luhe anders als in Leipzig. So ist das nun mal. Bei Amazon in Deutschland gibt es keine einheitliche Entlohnung.

UZ: Wie haltet ihr diesen langen Arbeitskampf durch? Es ist ja wirklich eine starke Leistung, einen Arbeitskampf fünf Jahre lang durchzuhalten. Ist der Druck auf die Kollegen so stark, oder wie erklärst du dir das?

Thomas Voß: Es gibt natürlich immer wieder Diskussionen auch unter den Gewerkschaftsmitgliedern nach dem Motto: Wieviel Jahrzehnte sollen wir denn noch streiken, bis wir den Tarifvertrag haben?

Wir haben es geschafft, in den meisten Standorten – leider nicht in allen – also in sechs von neun im Moment arbeitenden Standorten, uns gut zu organisieren und mehr oder weniger regelmäßig in den Streik gehen zu können. In diesen sechs Standorten haben wir es geschafft, eine sehr verlässliche gewerkschaftliche Struktur aufzubauen, mit Vertrauensleuten in den meisten Bereichen, die sich regelmäßig treffen. Wir laden diese seit Jahren regelmäßig zu Qualifizierungen ein. Diese Kolleginnen und Kollegen tragen letztendlich den Streik, nicht wir als Hauptamtliche.

Mit sozusagen Delegierten aus diesen sechs Standorten treffen wir uns regelmäßig zweimal jährlich zu eingehenden Strategieberatungen. Dort arbeiten wir auch an der Weiterentwicklung unserer Streiktaktik. Aktuell bereiten wir uns darauf vor, Amazon mit neuen Tarifforderungen zu konfrontieren, zusätzlich zu unseren bisherigen Tarifforderungen werden wir sie auffordern, mit uns einen Tarifvertrag „Gute und gesunde Arbeit“ zu verhandeln. Denn außer der Lohnfrage werden die gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen zunehmend zum Problem für die Beschäftigten.

Wir gehen davon aus, dass Amazon sich genauso wenig wie zu den anderen Forderungen positiv verhalten wird und mit uns Verhandlungen aufnimmt. Aber wir wollen sie noch mal zusätzlich unter Druck setzen mit dieser Frage, denn die exorbitant hohen Krankenstände belegen ganz offensichtlich, dass gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen ein heftiges Problem sind.

UZ: Könnt ihr noch eine Schüppe drauflegen? Seid ihr in eurem Arbeitskampf noch steigerungsfähig?

Thomas Voß: Wie gesagt, wir haben gute Strukturen, wir haben insgesamt jetzt über 30 Prozent Organisationsgrad, also mehr als 30 Prozent der Beschäftigten in allen deutschen Standorten sind ver.di-Mitglieder. Das ist ein hoher Organisationsgrad im Vergleich mit anderen Unternehmen. Zudem haben wir bei Amazon noch einen höheren Grad von Menschen, die sehr aktiv und engagiert diese Streiks mittragen. Die nicht nur bei unseren Aktionen zum Beispiel organisatorisch mitwirken, so beim Aus- und Einladen, Zelte aufbauen und ähnlich anpacken. Sie reden vor allen Dingen intensiv mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Wir gewinnen so ständig neue Mitglieder und die Entschlossenheit ist deswegen ungebrochen. Die Kolleginnen und Kollegen sagen: Wir wollen unbedingt einen Tarifvertrag haben. Es kann nicht sein, dass dieses Riesenunternehmen mit seinem exorbitanten Wachstum weltweit seine Beschäftigten so schlecht behandelt.

 


 

DKP solidarisiert sich mit den Streikenden bei Amazon

Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) solidarisiert sich mit den Streikenden bei Amazon und unterstützt ihre Forderungen: Für einen Tarifvertrag, für bessere Arbeitsbedingungen. Gegen Lohndumping durch Leiharbeit!

Es wird wieder gestreikt beim Online-Händler Amazon. Die Beschäftigten kämpfen für ihre Gesundheit, für erträgliche Arbeitsbedingungen und für einen Tarifvertrag.

Amazon ist der weltweit größte Online-Händler, agiert als Lohndrücker, nutzt in großem Umfang Leiharbeit und zahlt kaum Steuern. Gespräche mit ver.di, der Gewerkschaft der Amazon-Beschäftigten, lehnt das Management grundsätzlich ab.

Amazon hat sich auf den Weg gemacht, den Markt zu dominieren und Bedingungen zu diktieren. Das Vermögen von Amazon-Chef Jeff Bezos wird auf über 90 Milliarden Euro geschätzt, der Umsatz von Amazon lag 2016 bereits bei über 130 Mrd. Euro. Und der Konzern wächst schnell, will auch im Lebensmittel-Handel und als Möbelversand expandieren, bringt mit „Echo“ ein Gerät in die Wohnzimmer der Kunden, das Daten direkt bei den Menschen zuhause sammelt.

Die Kolleginnen und Kollegen von ver.di haben es mit einem scheinbar übermächtigen Gegner zu tun. Ihre Aktionen zeugen von Kreativität und Ausdauer – sei es bei der Gewinnung neuer Gewerkschaftsmitglieder, bei Streiks z. B. während des Weihnachtsgeschäfts oder bei der internationalen Vernetzung von Amazon-Beschäftigten.

Den 13000 Arbeitskräften, die Amazon nun kurzfristig und nur zum Weihnachtsgeschäft einstellen will, stehen nach Konzern-eigenen Angaben etwa gleich viele Festangestellte gegenüber (14 500). Das zeigt, wie schwierig es für die ver.di-Kolleginnen und -Kollegen ist, durch Streiks spürbaren wirtschaftlichen Druck auf Amazon auszuüben. Umso wichtiger ist es, ihren Kampf öffentlich zu machen.

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"Kampf mit langem Atem", UZ vom 20. Oktober 2017



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