Von Führern und Hühnerchili

Kommt davon

Karma I. Kaum hatte ich erklärt, eher nur so alle zwei Wochen schreiben zu wollen, brach mein Immunsystem zusammen. Also wörtlich. Mittwoch letzter Woche: Biss in ein Brot. Warum haben die Idioten da Steine eingebacken? Waren keine Steine, war einer meiner Zähne. Für mich das totale Desaster. Zahnärzte sind, seitdem ich denken kann, meine Endgegner. Egal ob Klammer oder Weisheitszähne, Karies oder Parodondingens, wenn ich komme, nehmen Zahnärzte geistige Auszeiten. Der letzte – vor 15 Jahren! – hat es geschafft, mir einen Zahn so benebelt auszugraben, dass ich monatelang Schmerzen hatte. Hat mir immer wieder Antibiotika verschrieben. Bis ich eines Tages zum Notfallzahnarzt gewankt bin. Ergebnis: Der halbe Kiefer war voller vergessener Zahnsplitter. Splitter entfernt, Schmerzen weg.

Auch „schön“: Urlaube. Ich war in England, Wales, Holland, Frankreich und Griechenland bei Zahnärzten. Der Krasseste: Auf Thassos. Auf griechischen Inseln dürfen anscheinend nur Männer zum Zahnarzt. Hier saßen um die 30 im Wartezimmer. Davon haben zwanzig geraucht (kein Witz). Also im Wartezimmer. Der Zahnarzt besaß einen Bohrer mit Fußpumpe und seine Mutter brachte ihm während der Behandlung das Mittagessen. Kali nichta! Auch toll der holländische Zahngott, den ich sonntags davon abhielt, seine Jacht zu verschönern (auch kein Witz). Ob er vorher Deutsche gehasst hat, ist nicht sicher überliefert. Dabei aber auf jeden Fall. Was ein Sadist. Tja: Kommt davon.

LeserInnen I. Es gab die Frage einer Leserin, was denn wohl ein „Gartenbro“ ist. So etwas sollte ich wirklich erklären, sorry. „Bro“ ist kurz für brother oder Bruder, der Gartenbro ist also mein Gartenbruder. Wir haben den grünen Ort zusammen gepachtet.

Nachrichten I. Philipp Amthor, praktizierender Christ, war zu schnell. Und zack, auch für ihn heißt das erst mal: Lappen weg. Hat die ganze Lobby­arbeit nix genutzt. Ich frag mich ja eher, wer dem Bengel einen Führer-Schein gegeben hat. Bisschen arg jung für’n Führer, der Bursche. Marxseidank.

Karma II. Montag darauf (nein, ich war noch nicht beim Zahnarzt!) beschlich mich eine Erkältung der brutaleren Art. Der Kopf lief voll Rotz, Auffassungsgabe und Intelligenz pendelten sich auf Toastbrotniveau ein. Der Coronatest dreimal negativ, ich bin doppelt geimpft, auch wenn das ja nicht mehr so viel heißt. Die liebe A., Freundin und Ersatzmutti in einem, kommt zum Fensterplausch. Dabei im Körbchen hat sie für mich: Hühnersuppe mit Chili, Gulasch mit Rotwein, indische Linsensuppe scharf und alle Medikamente dieser Welt. Freundinnen muss man haben! Und ’ne Erdgeschosswohnung.

Nachrichten II. Nur 67 Prozent der Deutschen sind geimpft. Zum Vergleich: Spanien 81 Prozent, Chile 82 Prozent, Portugal 87 Prozent. Hat halt weniger Reichsbürger da. Und weniger Rudolf-Steiner-Anhänger. Kommt davon.

LeserInnen II. „Ehrlich gesagt, mit so viel Vergnügen leide ich sonst mit niemandem mit, wenn Karl uns an seinen kleinen und großen Problemen in dieser kapitalistischen Welt teilhaben lässt“, schreibt ein Mensch über meine Kolumne. Na, dann hab ich mit dieser aber mein Soll übererfüllt. Schönen Dank auch. Und schreibe erst in zwei Wochen wieder. Siehste: Kommt davon.

Nachrichten III. „Gericht urteilt in Berlin: Betriebsratswahl bei Gorillas darf stattfinden“, schreibt n-tv.de. Und ich frage mich: Ist das denn wirklich nötig? Was ist nur mit den armen Tieren? Im Kapitalismus angekommen? Was für eine miese Welt.

LeserInnen III. „Mir gefällt der lapidare Ton (der Kolumne) und der Mut der Verzweiflung.“ Volltreffer, versenkt!

PS. Vierte Welle. Was macht dieser Jens Spahn eigentlich beruflich? Solche Fragen: Kommt davon!

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"Kommt davon", UZ vom 26. November 2021



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