Wie die Bielefelder SDAJ Klinikbeschäftigte in der Tarifrunde unterstützt hat

Kreide und Kontakte

Streiken in der Pandemie? Davor haben die Mainstream-Medien gewarnt, die Beschäftigten waren in der Tarifrunde für den Öffentlichen Dienst Bund und Kommunen trotzdem auf der Straße. In der vergangenen Woche hat die ver.di-Tarifkommission die Einigung mit den Arbeitgebern angenommen – ein Teilerfolg. Wie haben Kommunisten die Aktionen der Beschäftigten unterstützt? UZ sprach mit Marco Pratt, Mitglied der SDAJ-Gruppe Ostwestfalen-Lippe und Landesvorsitzender der SDAJ Ruhr-Westfalen.

UZ: Ihr habt als SDAJ-Gruppe Aktionen zur Tarifrunde im Öffentlichen Dienst gemacht. Wolltet ihr den Kolleginnen und Kollegen erklären, wie sie es richtig machen sollen?

Marco Pratt: Wir wollten ihnen nicht erklären, wie sie kämpfen sollten, sondern ihre Forderungen unterstützen und mit ihnen über die weitergehenden Forderungen sprechen, die wir als SDAJ vertreten.

UZ: Wie habt ihr das gemacht?

Marco Pratt: Wir haben am Klinikum Bielefeld-Mitte unsere Solidarität gezeigt. Wegen der Pandemie konnten wir leider nicht ins Krankenhaus reingehen, also haben wir draußen Plakate und Transparente aufgehängt und unsere Unterstützung mit Kreide auf dem Boden deutlich gemacht – rund ums Parkhaus, um die Stadtbahn-Haltestelle und bei den Eingängen. Auch wenn wir die Kolleginnen und Kollegen nicht treffen konnten, sollten sie sehen, dass es Unterstützung für ihre Forderungen in der Tarifrunde gibt, wenn sie zur Arbeit gehen.

Dann haben wir eine kleine Kundgebung mit Bündnispartnern vor dem Klinikeingang gemacht. Und beim Warnstreiktag waren wir da mit einem selbstgemalten Transparent, haben auch da unsere Solidarität gezeigt und viele Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen geführt.

UZ: Welche Slogans habt ihr verwendet, mit welchen Inhalten seid ihr aufgetreten?

Marco Pratt: Ganz grundsätzlich haben wir gesagt, dass die Tarifrunde keine Nullrunde werden sollte. Wir haben gesagt, dass es gerechtfertigt ist, eine kämpferische Tarifrunde zu machen – trotz Pandemie, trotz Medienpropaganda. Die ganze bürgerliche Medienlandschaft hat sich ja darüber beklagt, dass die Beschäftigten überhaupt gestreikt haben.

Wir haben also die Forderungen von ver.di unterstützt und die Forderungen, die die Kolleginnen und Kollegen selbst gestellt hatten. Wir haben außerdem gesagt: Über die Forderungen in der Tarifrunde hinaus brauchen wir eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich und wir brauchen eine am Bedarf orientierte Personalbemessung im Krankenhaus.

UZ: Wie haben die Kolleginnen und Kollegen auf eure Aktionen reagiert?

Marco Pratt: Unsere Aktionen sind gut angekommen. In den Gesprächen, die wir am Streiktag geführt haben, haben wir gemerkt, dass wir nicht umsonst mit der Kreide losgegangen sind und dass der Regen das nicht zu früh weggespült hat. Im Frühjahr sind die Pflegekräfte als Helden bezeichnet worden und es gab Applaus, davon ist jetzt nichts mehr da. Sie spüren den täglichen Druck auf der Arbeit, die Belastung – sie haben sich über die Unterstützung gefreut und sich in ihren Forderungen bestätigt gefühlt.

UZ: Euer Auftreten ist als Solidarität mit den ver.di-Forderungen wahrgenommen worden – fanden die Kollegen in diesem Zusammenhang die Forderung nach einer 30-Stunden-Woche nicht etwas merkwürdig?

Marco Pratt: Merkwürdig vielleicht in dem Sinne, dass diese Forderung oft als unrealistisch angesehen wird und dass sie für viele Beschäftigte etwas Neues ist. Viele sehen ja die heute üblichen Arbeitszeiten als etwas Gegebenes und Unveränderliches. Wir wollen darüber sprechen, dass es möglich ist, auch Ziele zu erreichen, die über das Verhindern einer Nullrunde hinausgehen. Dass, wenn die Beschäftigten sich organisieren und gemeinsam kämpfen, sie auch große Ziele wie eine Arbeitszeitverkürzung erreichen können.

UZ: Wie war die Beteiligung am Warnstreik am Klinikum Bielefeld-Mitte?

Marco Pratt: Leider relativ niedrig, weil dort nur wenige Beschäftigte bei ver.di organisiert sind. Aber es gibt dort aktive ver.di-Kollegen, die einen Warnstreik organisieren konnten – einen ganzen Tag, von morgens um Acht bis in den Nachmittag hinein.

UZ: Wenn ihr gute Rückmeldungen bekommen habt, heißt das, dass ihr als SDAJ-Gruppe auch feste Kontakte im Krankenhaus aufbauen konntet?

Marco Pratt: Ja und nein. Wir haben zwar viele Leute kennengelernt, aber das ging nicht so weit, dass diese Kollegen jetzt auch eine permanente Verbindung zu uns als Organisation haben. Aber wir haben Gesicht gezeigt. Die Kollegen haben die SDAJ kennengelernt, sie verbinden unsere Organisation mit Aktionen und mit Solidarität. Sie können uns einschätzen, sie können unsere Inhalte mit Gesichtern verbinden. Ich glaube, das war ein erster Schritt, um die Kontakte weiter aufzubauen, damit wir auch enger zusammenarbeiten können.

UZ: Ihr habt während der Tarifrunde angefangen, in einem örtlichen Bündnis für Entlastung im Krankenhaus mitzuarbeiten. Werdet ihr da weiter aktiv sein?

Marco Pratt: Ja, wir haben auch nicht erst in der Tarifrunde angefangen, am Klinikum Mitte und zum Gesundheitswesen aktiv zu sein. Am Frauentag haben wir in der Klinik Flyer und Kekse an die Kolleginnen verteilt – das war ja kurz vor dem Lockdown im Frühjahr. Auch im Rahmen der bundesweiten SDAJ-Kurzkampagne „Gesundheit statt Profite“ waren wir aktiv.

Während der Tarifrunde haben wir das „Bielefelder Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus“ kennengelernt, da sind unter anderem ver.di, Linkspartei und „Care Revolution“ beteiligt. Mit denen gemeinsam haben wir in der Innenstadt eine Solidaritätskundgebung organisiert, die über die Tarifrunde aufklären sollte. Die meisten Leute kennen ja nur das Narrativ der FAZ und nicht das, was wirklich in den Krankenhäusern passiert. Wir wollen in diesem Bündnis weiter mitarbeiten, weiter am Klinikum auftreten und weiter den Kampf für Entlastung unterstützen.

UZ: Was bringt es, wenn die SDAJ zu einer Tarifrunde aktiv wird, ohne dass sie im Betrieb verankert ist?

Marco Pratt: Wir gehen einen ersten Schritt in Richtung einer Verankerung, wir lernen Leute kennen. Und wir unterstützen die Kämpfe, die die Kollegen führen. Das ist ja unsere Aufgabe als Kommunisten.

Natürlich sind wir nicht verankert und können deshalb nicht so starke Unterstützung leisten, wie wir gerne würden. Aber als SDAJ machen wir nicht zum ersten Mal die Erfahrung: Wenn eine SDAJ-Gruppe bei einem Streiktag auftaucht, nehmen die Kollegen das positiv wahr – wir suchen das Gespräch, bringen Kaffee mit, beteiligen uns vielleicht am Programm im Streikzelt. Auch so kann man die Kämpfe der Beschäftigten unterstützen und dazu beitragen, sie weiterzuentwickeln.

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"Kreide und Kontakte", UZ vom 4. Dezember 2020



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