Parteiloser Kommunist kandidiert für die DKP in Brandenburg – auf der Landesliste und direkt im Wahlkreis 59 – Barnim II

Meine politische Heimat gab es nicht mehr

Lenny Reimann

UZ: Du kandidierst für die DKP in Brandenburg zur Bundestagswahl, obwohl du selbst parteilos bist. Erzählst du uns etwas über deinen politischen Werdegang?

Hans-Günter Schleife: Der Kampf um den Erhalt des Friedens und um gute Beziehungen mit anderen Ländern hat mein gesamtes politisches Leben geprägt. Ich bin 1949 geboren und habe den Aufbau einer friedliebenden Gesellschaft in der DDR miterlebt und später aktiv mitgestaltet. Nach dem Abitur und gleichzeitigem Abschluss als Chemiefaser-Facharbeiter meldete ich mich 1968 freiwillig zur bewaffneten Sicherung des Friedens als Soldat auf Zeit und diente drei Jahre bei den Grenztruppen der DDR in Berlin. Danach studierte ich an der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst und schloss mein Studium als Diplom-Außenwirtschaftler ab. In verschiedenen Außenhandelsbetrieben, als Handelsattaché in Indien und in Wirtschaftsministerien der DDR war ich bis 1990 in Leitungsfunktionen tätig.

Mit der auf konterrevolutionärer Basis erfolgten Angliederung der DDR an die imperialistische BRD kam ich nicht zurecht. Ich hatte miterlebt, wie die BRD die wirtschaftlichen Kontakte zwischen beiden deutschen Staaten boykottierte, wie Arbeitskräfte, Spezialisten, Wissenschaftler, Ärzte, Sportler und Künstler, die in der DDR von unserem Sozial- und Bildungswesen profitiert hatten, abgeworben wurden und wie über Jahre feindliche Hetze gegen unser Land betrieben wurde. In diesem Land musste ich jetzt leben. Meine politische Heimat, die mich geprägt und der ich meine ganze Kraft gegeben hatte, gab es nicht mehr.

UZ: Warum hast du dich entschieden, für die DKP und nicht beispielsweise für die Partei „Die Linke“ zur Wahl anzutreten?

Hans-Günter Schleife: Die Nachfolgepartei der SED vermittelte ein Bild zu Ereignissen und Personen in der DDR, das ich so nicht erlebt hatte. Maßnahmen zur Friedenssicherung, zur Verbesserung von Bildung und Gesundheitswesen, zur Förderung von Frauen und Jugendlichen, zu sportlichen Erfolgen und kulturellen Aktivitäten in der DDR wurden kritisiert und diskreditiert. Ich habe mich deshalb aus der Parteiarbeit zurückgezogen.

Neue Freunde und Partner fand ich in verschiedenen linksorientierten politischen Vereinen. Hier traf ich auch immer wieder auf Genossen der DKP. Wir organisierten gemeinsam Veranstaltungen, trafen uns zur Ehrung von Widerstandskämpfern, verfassten gemeinsam Appelle.

Die Genossen der DKP luden mich zu ihren Versammlungen ein und ihre klaren politischen Standpunkte haben mich überzeugt. Leider sind viele Mitglieder aus Alters- und Gesundheitsgründen nicht mehr in der Lage, intensiv an der Parteiarbeit mitzuwirken. Deshalb bin ich an ihre Stelle getreten und kandidiere gern für die DKP zur Bundestagswahl.

Ich lebe mit meiner Frau, mit der ich seit mehr als 50 Jahren verheiratet bin, in Fredersdorf-Vogelsdorf. In meinem Wahlkreis 59 – Barnim II – gibt es nur wenige Mitglieder der DKP. Ihre Arbeit wird vor allem in Strausberg und Bernau von der Bevölkerung deutlich registriert. Rote Nelken zum 1. Mai für Passanten und Pflegepersonal in Krankenhäusern, öffentliche Ehrungen von Widerstandskämpfern, regelmäßige Diskussionen an Infotischen in der Innenstadt, Verteilung des „Roten Brandenburgers“ und anderer Flyer vermitteln einen Eindruck von Aktivitäten der DKP.

UZ: Welche Erfahrungen machst du im Wahlkampf?

Hans-Günter Schleife: Die Unterstützung der Bevölkerung hat sich schon beim Sammeln der Unterschriften für die Unterstützung der Kandidatur gezeigt und dann bei den Solidaritätsbekundungen gegen den Versuch, die DKP von der Wahl auszuschließen. Positiv reagieren Passanten auf die Möglichkeit, die Standpunkte der DKP kennenzulernen. Die Sicherung des Friedens, der Kampf um gute Beziehungen zu Russland, China und anderen Ländern werden dabei besonders gewürdigt. Selbst Anhänger und Wähler anderer Parteien sehen den Erhalt des Friedens als die wichtigste Aufgabe unserer Zeit. Sie räumen auch ein, dass deren Parteien nicht genug dafür tun und andere Themen in den Vordergrund schieben.
Die Maßnahmen der Bundesregierung zur Aufrüstung von NATO und Bundeswehr sind in der Bevölkerung zu wenig bekannt. Die Stationierung von US-Atomraketen auf dem Gebiet der Bundesrepublik und die Milliardenprojekte zur Aufrüstung bis 2040 werden in Gesprächen oft angezweifelt. Hier zeigt sich die Einflussnahme der Medien und das Verschweigen existenziell wichtiger Fragen, besonders auch in Wahlkampfzeiten.

Immer stärker wird die Ungleichheit in den Besitzverhältnissen in der BRD empfunden. Dem unglaublichen Reichtum von Millionären stehen sinkende Reallöhne und den minimalen Rentenerhöhungen inflationäre Preissteigerungen gegenüber. Viele fürchten um ihren Arbeitsplatz oder sehen die Gefahr, dass sie finanzielle oder zeitliche Zugeständnisse machen müssen, um ihren Arbeitsplatz zu behalten.

UZ: Und was sagen die Menschen, woran fehlt es den Brandenburgerinnen und Brandenburgern heutzutage?

Hans-Günter Schleife: Die Corona-Problematik spielt in fast allen Gesprächen eine Rolle. Totales Unverständnis besteht darüber, dass die gesundheitliche Betreuung bewusst dem Profitstreben geopfert wird. Längere Wartezeiten auf Behandlungen und Operationen, Arztpraxen sowie Krankenhäuser, die geschlossen werden, gerade in einer Zeit, wo die Gesundheitsversorgung immer mehr zu einem Wahlkampfthema geworden ist, führen zu völligem Unverständnis. Thema sind auch Bundestagsabgeordnete der Regierungskoalition und deren Familienmitglieder, die mit widerrechtlichen Transaktionen unter dem Deckmantel der Corona-Bekämpfung private Profite herausschlagen, ohne dass es eine Strafverfolgung gibt.

Dafür schränken Corona-Maßnahmen für fast alle Bürger deren demokratische Rechte ein. Das normale Leben wird mit immer neuen Schikanen ausgebremst, für die es keine erklärbaren Begründungen gibt. Seit Monaten sind gerade in Ost-Brandenburg die Inzidenzwerte deutlich an der unteren Grenze im Vergleich zu anderen Bundesländern. Lockerungen werden aber durch die Landesregierung nur sehr zögerlich in Erwägung gezogen.

Die genannten Themen widerspiegeln die Vielfalt der Wahlkampfthemen. Dabei habe ich zum Bau des Tesla-Werkes noch gar keine Anmerkung gemacht …

UZ: Was sind deine Schwerpunkte im Wahlkampf?

Hans-Günter Schleife: Für alle meine Wahlkampfauftritte bleibt meine Hauptforderung: Frieden, Frieden mit Russland und China und gute Beziehungen mit allen Ländern und Völkern unserer Erde.

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"Meine politische Heimat gab es nicht mehr", UZ vom 10. September 2021



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