Schulleitung erklärt VVN-BdA-Mitglied zur unerwünschten Person

Nur ohne Kommunistin

Die Ausstellung „Gegen das Vergessen – Widerstand und Verfolgung in Mülheim an der Ruhr 1933 – 1945“ der VVN-BdA Mülheim sollte eigentlich in einer der örtlichen Realschulen gezeigt werden. Dann erhielt die Verfolgtenorganisation folgende E-Mail der Schulleitung: „Liebe Frau Ketzer, aufgrund der doch großen Verunsicherung in unserem Kollegium bezüglich Ihrer Person und Ihrer Parteizugehörigkeit hat unsere Schulleitung sich mit der Rechtsabteilung der Bezirksregierung kurzgeschlossen. Wir haben nun 3 Optionen: 1. Ihr Kollege führt alleine durch die Ausstellung 2. meine Kollegen besprechen die Ausstellung alleine mit den Klassen oder 3. wir bauen wieder ab.“ Inge Ketzer ist die Stellvertretende Kreisvorsitzende der VVN-BdA und Mitglied der DKP. Die VVN-BdA veröffentlichte daraufhin einen Offenen Brief, in dem sie mit Betroffenheit und Besorgnis feststellt, dass in diesem Vorgehen der Schule Intoleranz und Ausgrenzung sichtbar werden und „ein vertrauensvolles Zusammenwirken in demokratischem Konsens nicht gegeben zu sein scheint. Mit Bedauern sehen wir uns deshalb veranlasst, die Ausstellung abzubauen.“

UZ: Ihr habt der Realschule ein Gesprächsangebot gemacht. Hat sich die Schulleitung mittlerweile bei euch gemeldet?

Inge Ketzer: Mittlerweile hat sich die Direktorin bereit erklärt zu einem Gespräch mit der VVN-BdA Mülheim an der Ruhr. Aber kein Wort dazu, ob ich da erwünscht bin oder nicht. Auch David Lüngen, der Mülheimer Schuldezernent, an den unser offener Brief gerichtet war, hat insofern darauf reagiert, als er sich bei der Schulaufsicht, bei der Bezirksregierung und der Schulleitung informiert hat und der Presse mitteilte: „Es bestand und besteht Interesse daran, die Ausstellung an der Schule zu belassen, wo sie weiterhin steht.“ Bisher hat die VVN-BdA noch keine direkte Antwort vom Schuldezernenten.

UZ: Nachdem die Schulleitung keine weiteren Gründe außer deiner Parteimitgliedschaft genannt hat, schreibt ihr in eurem Brief, dass es auch darum gehen könnte, dass du eine der SprecherIn der Bürgerinitiative für den „Erhalt unserer VHS in der MüGa“ bist. Wie kommt ihr darauf?

Inge Ketzer: Die Volkshochschule in der MüGa ist zwischenzeitlich denkmalgeschützt und wurde vor fünf Jahren überfallartig wegen Brandschutzmängeln geschlossen, obwohl diese Mängel seit mindestens zehn Jahren von der Feuerwehr beanstandet wurden. Diese VHS ist ein wichtiger Ort für die Weiterbildung und Integration der Bürgerinnen und Bürger hier in Mülheim. Die Volkshochschule ist ein Politikum. Wir kämpfen seit sieben Jahren um deren Erhalt und haben bei einem Bürgerentscheid über 18.000 Ja-Stimmen erhalten, damit die Volkshochschule saniert und im Besitz der Stadt als VHS bleibt. Zum Vergleich: So viele Stimmen hat in den letzten Jahrzehnten keine Partei in der Kommunalpolitik erhalten, um ins Parlament einziehen zu können. Die Menschen sagen, wir haben mit der Initiative die Stadt aufgerüttelt.

Der Stadtrat und die Verwaltung haben ganz perfide gesagt: Es wird das dazu nötige Geld für die VHS bei den Schulen, Schwimmbäder und Sporthallen fehlen. Auch die SPD schießt schon länger gegen die Volkshochschule, da sie zum Tafelsilber der Stadt gehört, die man gerne zu Geld machen würde.

UZ: Die Ausstellung wird seit Jahrzehnten in Mülheim gezeigt – selbst in der Polizeiinspektion. Wie sind die Reaktionen in Mülheim?

Inge Ketzer: Die Lokalblätter „WAZ“ und „NRZ“ haben darüber groß berichtet, obwohl unser Brief erst am 8. September rausgegangen ist. Vom Arbeitskreis „60 plus“ der SPD haben wir eine Solidaritätserklärung erhalten und die Evangelische Kirche möchte die Ausstellung zeigen. Viel Zuspruch erhalten wir auch von Einzelpersonen.

UZ: Wie wollt ihr weiter vorgehen?

Inge Ketzer: Die Ausstellung erfüllt, von allen unbestritten, eine wichtige Funktion zur Aufklärung und wir wollen so vielen SchülerInnen als möglich diese Informationen nicht vorenthalten. Wir werden das uns vom Grundgesetz garantierte Recht nach Artikel 4 und 5 einfordern: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich“ und „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern“.

Ich bin 1964 der illegalen KPD beigetreten und war 1968 eine der Mitgründerinnen der DKP hier in Mülheim. Ich werde auch weiter aktiv für Frieden und Antifaschismus eintreten und dafür, dass unser Grundgesetz geachtet, angewandt und durchgesetzt wird.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Nur ohne Kommunistin", UZ vom 16. September 2022



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