Der schwierige Kampf gegen 46 Jahre faschistische Beeinflussung

Salazars Kopf

Klaus Steiniger

Während meines fünfjährigen journalistischen Einsatzes in Portugal, der fast unmittelbar nach dem Sturz des faschistischen Diktators Marcelo Caetano am 25. April 1974 begann und bis zum Juli 1979 dauerte, hatte ich den Lissabonner Korrespondenten des DDR-Fernsehens gelegentlich in dessen Urlaub zu vertreten. Gemeinsam mit dem Adlershofer Kameramann begab ich mich dann auf Reisen, um interessante Themen aufzuspüren.

Am frühen Morgen des 16. Februar 1978 vernahm ich aus dem Radio eine Meldung, die mich sofort hellwach werden ließ. In dem Gebirgsstädtchen Santa Comba Dão, wo Portugals Faschistenführer und langjähriger Staatspräsident António de Oliveira Salazar geboren wurde und in dessen Nähe sich auch das Grab des schon 1928 ans Ruder Gekommenen befindet, hatte sich ein Anschlag ereignet. Um 3 Uhr war der Torso des bronzenen Salazar-Standbilds auf dem örtlichen Hauptplatz – dem Largo Alves Mateus – in die Luft geflogen. Das nahegelegene Justizgebäude sei von der gewaltigen Detonation in Mitleidenschaft gezogen worden und ein Bein des Tyrannen habe gar das Dach des Pfarrhauses durchschlagen, hieß es in der Rundfunkreportage.

Unterdessen rottete sich um den erhalten gebliebenen Granitsockel des seit Jahren umkämpften Monuments – ein Wallfahrtsziel naher und ferner Faschisten – eine bedrohlich anwachsende Menge Rechtsradikaler zusammen. „Lass uns doch sofort nach Santa Comba fahren. In zwei Stunden sind wir da“, schlug ich Klaus-Roland Schulz vor. „Bestimmt gibt es was zu filmen.“

Er habe nur eine sehr teure Kamera dabei und unser Aufenthalt könne für DDR-Bürger gefährlich werden, gab mein Reisegefährte zu bedenken, war dann aber einverstanden, nachdem ich ihm den Hintergrund der Geschichte kurz erzählt hatte.

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Während antifaschistische Bildhauer das Lissabonner Salazar-Denkmal auf dem Hof des Palais Foz sofort nach dem Sturz des alten Regimes unter schwarzem Sackleinen hatten verschwinden lassen, erstrahlte die von einem bekannten Künstler gestaltete Statue auf dem Largo Alves Mateus von Santa Comba weiterhin in vollem Glanz. Noch zum Jahresende 1974 sah ich sie beim Durchfahren des hübschen Städtchens am Rio Dão. Pietät gegenüber einem Verstorbenen in der Geburtsstadt des „Grande Homem“, des „Großen Mannes“, wie der berühmte Sohn des kleinen Fleckens – ein enger Verbündeter Hitlers, Mussolinis und Francos – dort von vielen bis heute genannt wird? Oder mehr?

Im Verlauf der portugiesischen Aprilrevolution, die zum bisher weitreichendsten antikapitalistischen Vorstoß im Westen Europas wurde, drangen die aus linken und ultralinken Militärs der Bewegung der Streitkräfte (MFA) gebildeten „Dynamisierungsgruppen“ der 5. Abteilung des Generalstabs auch in die Bergregionen der Beiras vor. Doch ihre Botschaft verhallte in dieser Gegend fast ungehört.

Die überwiegend klerikal-faschistischen Priester – sie stellten 48 Jahre lang das Rückgrat der Diktatur Salazars und Caetanos dar – wuschen die schwachen roten Strähnen, die sich hier oder dort im Gefolge der Aufklärungskampagnen im Kleid der Bauern zu zeigen begannen, bei der nächsten Messe wieder heraus. Sie und andere Kaziken, wie man die Ortsmächtigen nannte, behielten in den Nestern des Landesinnern das Heft fest in der Hand. Das bekamen auch die in den Industriezonen und im Landarbeitersüden einflussreichen Kommunisten zu spüren. In „Russland“ und „überall im Osten“, so ging es von Mund zu Mund, gebe die „Kommune“ den Alten eine Giftspritze hinter das Ohr. Sechsjährige Kinder müssten von den Eltern beim Staat abgeliefert werden. Und die Frauen seien natürlich Gemeingut der Männer. So etwas wurde von den meisten Analphabeten geglaubt.

Bald loderten im gebirgigen Bezirk Viseu, zu dem Santa Comba gehört, die wenigen Parteihäuser der PCP. Physischer Terror war angesagt. Unweit des Salazar-Fleckens wurde der Wagen eines bekannten kommunistischen Funktionärs von einem Faschistenauto an den Straßenrand gedrängt und gestoppt, sein Insasse schwer misshandelt. Der Anführer des Trupps – ein feister Kerl mit Schweinsäuglein – war der Kolonialwarenhändler Jacinto Eichmann aus Santa Comba. Er prahlte überall damit, „ein Blutsverwandter Adolf Aischmanns“ zu sein. Nach dem Überfall – das Opfer hatte Anzeige erstattet – kam es sogar zum Prozess. Er endete mit dem Freispruch des unbescholtenen Angeklagten.

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Gemeinsam auf der Straße: Arbeiter und Soldaten mit erhobener Faust und der Nelke im Knopfloch gegen den Faschismus (Foto: Klaus Steiniger)

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(Foto: Klaus Steiniger)

Seltsames geschah auf dem Largo Alves Mateus. Eines Nachts im Februar 1975 war dem „Großen Mann“ durch Beherzte der Kopf abgetrennt worden. Zweieinhalb Jahre stand dieser dann enthauptet vor aller Augen. Ein schändlicher Anblick, meinten die Faschisten des Landstrichs. Schließlich bildeten sie ein „Kopfkomitee“. Zu seinem Sprecher wurde Eichmann bestimmt. Da die Gussform nicht mehr auffindbar war, modellierte ein Metallgießer aus der Gegend von Porto einen Ersatzschädel, der keinerlei Ähnlichkeit mit dem Original aufwies. Bei einem landesweiten Aufmarsch der Salazaristen, gegen den aus Coimbra Truppen mobilisiert werden mussten, wurde dem Torso das Machwerk aufgestülpt. Minuten danach dekapitierte das Militär den Diktator ein zweites Mal. Nun aber – am 16. Februar 1978 um 3 Uhr früh – war dessen Standbild endgültig in die Luft geflogen.

„Viva Salazar!“, lasen wir auf dem Ortsschild, als wir gegen neun Uhr in Santa Comba eintrafen. Vor dem granitenen Podest lagen Blumensträuße, standen Schilder mit martialischen Losungen. Die Menge, in ihrer Mitte der Ortsgendarm, war wutgeladen.

Was tun? Wir versuchten, uns bis zum Denkmalsstumpf vorzuarbeiten. Ein Herr mit Nickelbrille, der sich als „Vertreter der Parochialpresse“ vorstellte und wahrscheinlich das Blättchen des Kirchsprengels vertrat, wollte wissen, wer wir seien.

Wir gaben uns forsch und westlich-arrogant. „Aus Lissabon!“, antwortete ich auf das Woher? „Fernsehen.“

„Sind Sie Ausländer, meine Herren?“ Die Menge stutzte und spitzte die Ohren. „Klar, Deutsche“, sagte ich knapp. Das brachte Beifall. Hier war man seit jeher „deutschfreundlich“.

Der Parochialskribent hakte noch einmal nach: „Wie heißt Ihr Sender?“

„Wir sind vom 5. Kanal“, nannte ich korrekt die Adlershofer Frequenz. Nun war man‘s zufrieden.

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„Die Herrschaften sind vom Quinto Canal – vom Fünften“, teilte der Wortführer den Umstehenden mit. Das tat seine Wirkung. Des Kaisers neue Kleider waren verkauft – und sogar ohne Anprobe. Die Faschisten und die Missbrauchten drängten sich nun vor Klaus-Rolands Kamera. „Hebt die Schilder hoch – höher, mehr nach rechts“, befahl dieser. Keiner zögerte, uns zu unterstützen. Jeder wollte in den Quinto Canal. Wir machten gut ein Dutzend Interviews, die ganz in unseren Streifen passten. Doch einer fehlte noch: der Sprecher des „Kopfkomitees“ und Oberkazike von Santa Comba – Eichmann. So bat ich die Anführer des Rudels, ihn sofort zu benachrichtigen, dass „das Fernsehen dringend mit ihm sprechen wolle“. Nach wenigen Minuten stand ein schwitzender und keuchender Mann vor uns. Er war im Laufschritt herangeeilt. „Ich weiß, meine Herren, Sie sind vom Quinto Canal“, sprudelte es aus ihm heraus. Dann stellte er sich wie ein Profi in Positur. „Ich bin hundertprozentig Deutscher und zugleich hundertprozentig Portugiese“, rechnete er uns vor. „Ich bin ein Verwandter des berühmten Aischmann, des größten Hassers und Mörders der Juden“, rühmte sich der Kolonialwarenhändler seiner vermutlich frei erfundenen familiären Bande zu einem Ungeheuer. Im Namen der Meute lud er uns ein, gemeinsam das Grab Salazars im nahen Vimeiro zu besuchen.

Aus „Zeitgründen“ mussten wir ablehnen. Der Grat, auf dem wir wandelten, war zu schmal. Die durch Täuschung gewonnene Gunst der Faschisten konnte rasch wieder verloren gehen. Die Kamera und der Film, den Adlershof bald darauf ausstrahlte, sollten sofort in Sicherheit gebracht werden.

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"Salazars Kopf", UZ vom 19. April 2024



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