Christian Krachts neuer Roman „Eurotrash“

Selfie mit Alpenpanorama

„Bald.“ So das letzte Wort in Christian Krachts Debüt „Faserland“. „Bald“ meint zweieinhalb Dekaden. So viel ist vergangen, bis diesen März der groß als Fortsetzung angekündigte Roman „Eurotrash“ erschien. Mit „Bald.“ endet auch „Eurotrash“ nach einem kurzweiligen Taxi-Höllenritt durch die Schweiz. Das Reisemotiv, eng mit Fluchtversuchen verwandt, prägt jeden der nunmehr sechs Romane des genießbarsten deutschsprachigen Romantikers seit Adalbert von Chamisso. Und jeder von Krachts Romanen ist eine Übung, mit eigener Hand die Bewegungen einer anderen zu imitieren. „Faserland“ etwa übertrug Bret Easton Ellis‘ Poproman nach hier. Fast scheint es, als ob sich Kracht als Autor aus seinem eigenen Werk herauszuhalten sucht.

„Eurotrash“ geht ähnlich und gleichzeitig anders: „Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich. Meine Mutter wollte mich dringend sprechen. Sie hatte angerufen, ich solle doch bitte mal rasch kommen, es war ganz unheimlich gewesen am Telefon … Dazu muss ich außerdem sagen, dass ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun leider nicht mehr einfällt, Faserland genannt hatte.“

Das „Also“, auch das erste Wörtchen in „Faserland“, ist nicht der einzige Anzeiger dafür, dass sich der nun 54-jährige Kracht beim fast halb so alten Selbst bedient. Auch der plaudernde, sich aber schnell verlierende Ton scheint hier die Erwartung auf Fortsetzung zu erfüllen. Es spricht aber sichtlich nicht das wohlstandsverwahrloste Arschloch aus „Faserland“, sondern einer, der sagt, er sei selbst Christian Kracht (ab hier: Figur-Kracht). Es drängt sich auf, dass Kracht, also Autor-Kracht, die autofiktionale Literatur seines Schreiber-Kumpels Karl Ove Knausgård parodiert. Wie bei dem wird die Trennlinie zwischen Produzent und Produkt dadurch verzogen, dass sich biografische Marker in den Text drängeln und von sich behaupten, das Erfundene in der Literatur durch Echtes zu ersetzen. Hier schreibt also Autor-Kracht, Sohn des gleichnamigen Springer-Verlagsmanagers, über einen Figur-Kracht und wie dieser seine 80-jährige, alkohol- und tablettensüchtige Mutter besucht und beschließt, mit der vernachlässigenden Vernachlässigten auf Rundfahrt zu gehen.

Als Figur-Krachts Mutter nach dem Plural für „Katharsis“ sucht und ihr Sohn vorschlägt, dass es den nicht gäbe, stellt sie klar: „Nein, nein! Unmöglich! Alles gibt es immer mehrmals!“ Und nicht nur Kracht doppelt sich hier. Auch zwei Beutel haben Mama und Sohn bei sich: einen für einen sechsstelligen Betrag in Franken, erworben durch Anlagen „in deutsche Waffensysteme und schweizerische Molkereien“, und einen Beutel für die Exkremente der Stoma-tragenden Greisin. Doppelt auch die Tatsache, dass beide als Kind missbraucht wurden, dass beide angewidert sind von ihren Vätern, die Mutter vom überzeugten Nazi, Sohn Christian vom Mammon-huldigenden Christian senior.

In „Eurotrash“ landet das Doppelte zum Draufhauen in einem Sack. Geldbesitz wird besudelt und mit der Frage behaftet, woher denn stammend, wenn nicht aus den Konzernen der deutschen Faschisten.

Inhaltlich greift Autor-Kracht seine Frankfurter Poetikvorlesung aus 2018 auf. Dort berichtete er erstmals öffentlich vom Missbrauch als Internatsschüler. Schlimme Dinge, mit denen niemand richtig umzugehen weiß, erst recht, wenn man einmal die Formwandelei des Autor-Krachts mit an- und dabei gesehen hat, dass er in der Öffentlichkeit eben nie nur als Privat-, sondern immer auch als Kunstperson auftritt.

Eingedroschen wird mit „Eurotrash“ nicht nur auf die Verhältnisse und ihre brutalen Ursprünge, sondern auch auf den schalen Wunsch nach Authentizität. Es braucht da gar nicht die Szenen, in denen Figur-Kracht und Figur-Krachts Mutter spekulieren, ob sie denn in einer Story leben. Auch so merken wir, was Autor-Kracht mit Figur-Kracht und dessen Geschichte zu berichten hat: Kunst mehrt das Wissen um die Welt. Interessant ist nicht, wie ein Lügendetektor zu prüfen, was da Fakt und was Fiktion ist, sondern wie beides füreinander einspringt, wenn es darum geht, zu erkennen, warum dieses verdammte „Bald.“ einfach nicht kommen mag.


Christian Kracht
Eurotrash
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021
224 Seiten. 22,- Euro (eBook: 18,99 Euro)


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Über den Autor

Ken Merten (seit 1990) wohnt in Bremen. Er stammt aus Sachsen, hat in Hildesheim „Literarisches Schreiben & Lektorieren“ studiert und arbeitet derzeit als Redakteur bei der Tageszeitung „junge Welt“ im Ressort der Themenseiten. Seine Schwerpunkte sind die Literatur der Jetztzeit, Popkultur und Fragen der Ästhetik.

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"Selfie mit Alpenpanorama", UZ vom 19. März 2021



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