Volkswagen werde „weiter konsequent Kosten senken“ – das versprach Konzernchef Oliver Blume im März den besorgten Aktionären. Die Arbeitsplatzvernichtung bei VW soll also weitergehen, allein bei der Kernmarke Volkswagen ist von 35.000 Arbeitsplätzen die Rede. Ende 2026 wird ein neuer Tarifvertrag verhandelt. Mit dem letzten Abschluss konnten betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen zwar vorerst abgewendet werden, aber die Beschäftigten haben einen hohen Preis gezahlt: keine Tariferhöhungen in zwei Jahren, Verzicht auf Teile von Sonderzahlungen, Erhöhung der Wochenarbeitszeit … Wir haben mit drei VW-Beschäftigten über ihre Situation und die Stimmung in den Betrieben gesprochen: Kathi Holtze aus Braunschweig, Rudi Freise aus Salzgitter (Namen geändert) und Achim Bigus, der bis September 2023 bei VW in Osnabrück gearbeitet hat. Dass Kathi und Rudi hier nicht mit Klarnamen erscheinen, ist Ausdruck der veränderten Stimmung in diesem Land und in einem Konzern, in dem die Lohnabhängigen vor wenigen Jahrzehnten noch Selbstsicherheit und Zukunftsvertrauen ausstrahlten.
UZ: In Niedersachsen war es lange Zeit so, dass die Löhne bei VW ein Schnapsglas höher lagen als bei anderen Autokonzernen und in vergleichbaren Betrieben. Ist das immer noch so?
Achim Bigus: Im Vergleich zu anderen Autokonzernen wäre ich da nicht so sicher. Im Vergleich zu den Flächentarifverträgen schon – aber auch das bröckelt.
Kathi Holtze: Bei uns bröckelt das sogar ziemlich. VW hat das Ziel der Einsparung von 6 Prozent verkündet und in die Verhandlungen um das neue Entgeltsystem die Forderung eingebracht, sich an den Flächentarifvertrag anzugleichen, also unsere Löhne abzusenken.
Achim Bigus: Ich behaupte mal: Das wird nur dazu führen, dass die Fläche dann auch absinkt. Das ist die beabsichtigte Dynamik.
UZ: Also kämpfen VW-Kolleginnen und -Kollegen, die um die besseren Bedingungen von VW kämpfen, auch für die Kumpel außerhalb mit?
Rudi Freise: Ja, das ist so. Aber die Kolleginnen und Kollegen – sowohl die in den VW-Werken als auch die in den anderen Buden – sehen diese Zusammenhänge meist nicht. In der Lokalpresse gab es angesichts der Ankündigung, die Löhne bei VW nach unten anzugleichen, sogar Häme: Jetzt würden die Hauspreise bald sinken, weil einige Immobilien nun zum Verkauf stünden.
Achim Bigus: Da wird natürlich von oben auch bewusst der Neidfaktor geschürt, damit die abhängig Beschäftigten sich und ihre Gehälter nicht etwa mit den wirklich Reichen vergleichen und fragen, woher deren Geld eigentlich kommt. Industriemechaniker bei einem Zulieferer sollen neidisch sein auf die Industriemechaniker bei VW und nicht auf diejenigen, die an ihnen verdienen. Dieses Vergleichen innerhalb der eigenen Klasse, statt auf die gegnerische Klasse zu schauen, funktioniert leider immer noch.
Kathi Holtze: In der Gehaltsfrage ist wie insgesamt die Verunsicherung groß. Wir wissen alle nicht, wo die Reise hingeht.
UZ: Wie ist das mit der noch vor zehn Jahren sprichwörtlichen Sicherheit eines lebenslangen Arbeitsplatzes, wenn man erst mal eine unbefristete Anstellung bei VW hat?
Kathi Holtze: Das ist vorbei. Die Jobgarantie ist ja inzwischen offiziell befristet und gleichzeitig wird erklärt, dass Personal abgebaut werden soll. In einer Versammlung bei uns hat die Fertigungsleitung verkündet, dass 300 Jobs überflüssig seien. Die Kolleginnen und Kollegen wurden aufgefordert, schon mal zu überlegen, ob sie nicht auch in Wolfsburg oder in anderen Werken arbeiten könnten.
UZ: Wie läuft denn das konkret ab? Werden da Leute gezielt angesprochen?
Kathi Holtze: Das ist ja mitbestimmungspflichtig. Also wird der Betriebsrat einbezogen und es wird geschaut, wer denn von Braunschweig aus gesehen am nächsten an Wolfsburg wohnt, wer keine Kinder hat und so weiter. Und die werden dann angesprochen und gefragt, ob sie sich das vorstellen können.
So etwas verbreitet natürlich Unruhe. In diese Unruhe hinein gibt es verstärkte Kontrollen am Tor und spürbar mehr Abmahnungen wegen Fehlzeiten, die auch zu Kündigungen führen. Das verändert die Atmosphäre deutlich. Das frühere Urvertrauen in die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes bei VW ist futsch. Dazu kommt dann auch noch – kriegt ja jeder mit – die zunehmende Verlagerung von Tätigkeiten ins Ausland.
UZ: Betrifft das alte und junge Beschäftigte gleichermaßen?
Kathi Holtze: Vor allem trifft es die Azubis. Von denen wird verlangt, dass sie nach der Übernahme auch bereit sind, in Wolfsburg oder sogar in Kassel zu arbeiten. Aber sicher fühlt sich hier niemand mehr.
UZ: Wenn ihr die Stimmung in euren Werken mit einem Begriff beschreiben sollt – welches Wort würde es am ehesten treffen?
Rudi Freise: „Besorgt“ würde es am ehesten treffen.
Kathi Holtze: Ja, das fiel mir auch als Erstes ein.
Achim Bigus: In Osnabrück „besorgt bis verzweifelt“.
UZ: Wieso verzweifelt?
Achim Bigus: Na ja, die Produkte, die jetzt hergestellt werden, sollen hier nur noch bis 2027 gebaut werden. Es gibt auf dem Papier zwar eine Beschäftigungsgarantie von VW. Aber was ist die wert, wenn keine konkrete Arbeit dahintersteht? In der Zeit der großen Unsicherheit vor der Übernahme des damaligen Karmann-Werkes durch VW hat sich das Unsicherheitsgefühl, die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, tief eingegraben, nicht nur bei den Alten.
Und dann stellen Vorstand und Medien die Produktion von Militärfahrzeugen als einzige Hoffnung dar. In dieser Frage wird aber jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Der Betriebsratsvorsitzende hat kürzlich zu Recht angemerkt, dass die Kolleginnen und Kollegen sich mehr und mehr als Spielball fühlen.
UZ: Spielt diese Frage der Rüstungsproduktion auch in den anderen Werken eine Rolle? Gibt es so etwas wie Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen in Osnabrück?
Rudi Freise: Offen gesagt und obwohl wir das ja thematisieren: Das spielt nur bei denen eine Rolle, die – zum Beispiel durch Verwandtschaft – eine besondere Beziehung zu Osnabrück haben.
Kathi Holtze: Das ist bei uns genauso. Die Rüstungsfrage spielt übrigens auch auf Betriebsversammlungen seitens der Leitung der IG Metall keine Rolle. Und Osnabrück und deren Lage auch nicht.
UZ: Also nichts mit „Wir sind eine große VW-Familie“?
Achim Bigus: Doch, ja, aber da gibt es auch Stieftöchter, haben wir in Osnabrück immer gesagt.
Kathi Holtze: Es gibt auch seitens der Gewerkschaft wenig, um diese Solidarität zwischen den Werken zu entwickeln. Da werkelt jeder vor sich hin und versucht, seine Haut zu retten …
Rudi Freise: … was ja auch mit zunehmender Verzweiflung überall dringend notwendig scheint. Bei uns in Salzgitter, das zum Zentrum der Batteriezellenproduktion ausgebaut werden soll, waren zunächst drei Blöcke geplant, aber am Ende wurden nur zwei Hallen gebaut und nur in einer davon wurden auch die entsprechenden Maschinen aufgestellt. Erst 2027 soll entschieden werden, ob die zweite Halle in Betrieb geht. Das drückt natürlich auf die Stimmung. Letztlich ist den Kolleginnen und Kollegen auch klar, dass damit zugesagte Beschäftigung fehlt.









