Von der Entwicklung in Afghanistan hängt innen- wie außenpolitisch einiges ab

Taliban auf Reformkurs?

Was wollen die Taliban? Die Frage stellt sich, seit die neuen Machthaber in Kabul gleich mehrere unerwartete Ankündigungen getätigt haben. Nein, ihre Gegner hätten keine Rache zu befürchten, erklärte einer aus ihrer Führungsriege. Nein, Mädchenschulen würden nicht wieder geschlossen, teilte ein anderer mit – Frauen dürften vielmehr an Hochschulen studieren. Ein dritter ließ sich gar von einer Moderatorin im Fernsehen interviewen: Im Taliban-Emirat der Jahre ab 1996 wäre das völlig undenkbar gewesen. Was ist da los – sind die Steinzeit-Gotteskrieger auf Reformkurs?

Zuverlässig beantworten lässt sich die Frage zur Zeit noch nicht. Klar zu sein scheint: Zumindest derjenige Teil der Taliban-Führung, der in Doha mit den Vereinigten Staaten verhandelt hat, ist um internationale Anerkennung bemüht. Dafür aber sind gewisse Zugeständnisse an internationale gesellschaftliche Standards, etwa in Sachen Mädchenbildung, unvermeidlich. Ob die Zugeständnisse aber strategisch oder doch nur taktisch motiviert sind, das ist ebenso ungewiss wie die Antwort auf die Frage, ob sich der Doha-Flügel auf Dauer gegen Hardliner, zum Beispiel unter den Feldkommandeuren, durchsetzen kann. Dabei hängt von der Entscheidung, ob die Taliban zu ihrem Kurs der späten 1990er Jahre zurückkehren oder auf ein Modell nicht unähnlich demjenigen Saudi-Arabiens orientieren – eine etwas gemäßigtere Variante der äußersten Reaktion –, durchaus einiges ab, und zwar nicht nur innen-, sondern auch außenpolitisch.

Da wäre zunächst die Frage nach dem Verhältnis zu dschihadistischen Terrororganisationen wie dem IS beziehungsweise zu dessen afghanischem Ableger, dem ISKP (Islamic State Khorasan Province). Der kämpft für ein immer weiter expandierendes islamisches Emirat, während die Taliban, die einst der ähnlich orientierten Al-Kaida Zuflucht boten, eine nationale Herrschaft anstreben: Genauso wie im Islam sind sie in den Stammes-traditionen der Paschtunen, der größten Ethnie Afghanistans, verwurzelt. Gegen den ISKP gehen die Taliban schon seit dessen Gründung vor. Ende 2019, Anfang 2020 taten sie das sogar gemeinsam mit den USA: Während sie den ISKP am Boden attackierten, griffen US-Bomber ihn aus der Luft an. Für Washington war das wohl die entscheidende Nagelprobe, die die Tür für das Abzugsabkommen vom Februar 2020 öffnete: Die Taliban schienen Gewähr zu bieten, Terrorplanungen gegen US-Ziele von afghanischem Territorium aus in Zukunft zuverlässig zu unterbinden.

Mit ähnlichen Sorgen hat sich China herumgeschlagen. Die Ursache: In ­Afghanistan hält sich eine nicht genau bekannte Zahl uigurischer Dschihadisten auf, die Peking dringend an Angriffen hindern will; Afghanistan grenzt mit einem langen, schmalen Landstreifen im äußersten Nordosten, dem Wachan-Korridor, an die westchinesische Autonome Region Xinjiang. Die Trump-Regierung hat unmittelbar nach ihrer Wahlniederlage entschieden, die uigurischen Dschihadisten vom East Turkestan Islamic Movement (ETIM) nicht mehr als Terrorgruppe einzustufen. Damit darf die Organisation wieder offen unterstützt werden. Im Kampf gegen China wäre sie nützlich. Der chinesische Außenminister Wang Yi hat sich deshalb von Abdul Ghani Baradar, dem wohl mächtigsten Anführer der Taliban, Ende Juli fest zusagen lassen, diese würden Angriffe von ihrem Territorium aus auf chinesische Ziele strikt unterbinden und uigurische Terroristen zuverlässig in die Schranken weisen.

Ob dies geschieht, hängt auch davon ab, ob sich der Doha-Flügel der Taliban durchsetzen kann. Um für diesen Fall am Hindukusch nicht außen vor zu sein, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits Gespräche mit den Taliban angekündigt, und auch der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell spricht sich für einen gewissen „Dialog“ mit ihnen aus. Nach dem militärischen hat der politische Einflusskampf um Afghanistan begonnen.

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Über den Autor

Jörg Kronauer (Jahrgang 1968) ist Sozialwissenschaftler und lebt in London. Er ist Redakteur des Nachrichtenportals „german-foreign-policy.com“, freier Journalist und Buchautor. Seine Themenschwerpunkte sind Neofaschismus und deutsche Außenpolitik.

Kronauer veröffentlichte 2018 bei PapyRossa „Meinst Du, die Russen wollen Krieg? Russland, der Westen und der zweite Kalte Krieg“. Sein aktuelles Buch „Der Rivale“ analysiert die Rolle der VR China im internationalen Klassenkampf.

Für die UZ schreibt Kronauer eine monatlich erscheinende Kolumne mit dem Schwerpunkt deutsche Außen- bzw. Konfrontationspolitik gegen Russland und China.

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"Taliban auf Reformkurs?", UZ vom 3. September 2021



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