Beschleunigter Hegemoniezerfall im Westen

Trumps Labortheorie

Trump attackiert die VR China wegen Covid-19: China habe Informationen über das Virus „zurückgehalten“. Das Virus sei „absichtlich oder irrtümlich“ aus einem Forschungslabor in Wuhan entwichen. Trump setzte die US-Geheimdienste darauf an, seine Labortheorie zu untermauern. Australiens Premier Morrison will sogar Schadenersatz von China. Deutsche Qualitätsmedien sehen in Trumps Schuldzuweisungen „eine Taktik, um von den präzise dokumentierten Versäumnissen der eigenen Administration abzulenken“ („Spiegel online“, 30.4.). Das hindert dieselben Medien keinesfalls, die entfesselten Gerüchte ihrerseits zu befeuern. Jede noch so absurde Spekulation aus Washington wird zelebriert und mit eigenen, vermeintlich „bohrenden Fragen“ an China gewürzt. Maas fordert transparente Aufklärung über den Ursprung des Virus. CDUler und Grüne wollen eine „internationale Untersuchung“.

Beate Landefeld
Beate Landefeld

In der Realität forschen Virologen längst international über den Ursprung des Virus. Einer ist der deutsche Professor Christian Drosten. Er ist Mitunterzeichner einer Erklärung von Forschern aus vielen Ländern, die in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ erschien. Der umständliche Titel: „Statement in support of the scientists, public health professionals, and medical professionals of China combatting Covid-19“ (Unterstützungserklärung für die Wissenschaftler, Mitarbeiter des Gesundheitswesens und Mediziner Chinas, die im Kampf gegen Covid-19 stehen). Die Erklärung würdigt den Einsatz der chinesischen Kollegen, „um den Erreger zu identifizieren, wirksame Maßnahmen gegen seine Ausbreitung zu ergreifen und ihre Ergebnisse auf transparente Weise mit der globalen Gesundheits-Community zu teilen“.

Der transparente Datenaustausch werde durch „Gerüchte und Fehlinformation über die Ursprünge des Ausbruchs“ bedroht. „Wir stehen zusammen, um Verschwörungstheorien, wonach Covid-19 keinen natürlichen Ursprung habe, klar zu verurteilen“, heißt es im Statement. Forscher vieler Länder seien zu dem Schluss gekommen, „dass dieses Corona-Virus, wie viele andere neue Pathogene, von Wildtieren kommt“. Man teile die Aussage des Generaldirektors der WHO, dass wissenschaftliche Evidenz und Einigkeit Vorrang haben vor Desinformation und Vermutungen. Verschwörungstheorien, Gerüchte und Vorurteile gefährdeten die nötige globale Kooperation im Kampf gegen das Virus. („The Lancet“, 19.2.20 online; Druckausgabe 7. 3.).

Trumps Bashing gegen China und gegen die WHO behindert die internationale Kooperation. UN-Generalsekretär Guterres spricht von einer „Dysfunktionalität in den internationalen Beziehungen“, wo die Koordination der Strategien gegen die Seuche gefordert sei. Die imperialistischen Hauptmächte zeigen in der Krise den Zerfall ihrer Führungsfähigkeit auf der Weltbühne. Die USA fallen dank Trumps America-First-Politik und zum Leidwesen ihrer europäischen „Partner“ als Führungsmacht aus. Doch auch das die EU dominierende Deutschland verhält sich aus Sicht der Südeuropäer unsolidarisch und hat an Autorität verloren. Die EU wird nicht einheitlicher, sondern zerstrittener aus der Krise hervorgehen.

China war als erstes Land von der Epidemie betroffen und wird sie wahrscheinlich auch als erstes Land überwinden. Es konnte einer Reihe von später betroffenen Ländern Hilfe anbieten. Im eigenen Land kam es vergleichsweise glimpflich davon. Nach aktuellen Prognosen des IWF wird sich China, sofern eine zweite Welle der Pandemie ausbleibt, früher vom Wirtschaftseinbruch erholen als die Hauptmächte des Kapitals. Die „Corona-Krise“ wird die schon länger vor sich gehende Verschiebung der ökonomischen Kräfteverhältnisse in der Welt zugunsten der VR China beschleunigen. Dem wird der Westen nicht passiv zusehen. Trumps China-Bashing wird noch an Fahrt aufnehmen und die Herrschenden hierzulande werden dabei mittun.

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Über die Autorin

Beate Landefeld (Jahrgang 1944) ist Hotelfachfrau und Autorin.

Landefeld studierte ab 1968 Literaturwissenschaft und Soziologie an der Universität Hamburg, war Vorsitzende des Allgemeinen Studentenausschusses, Mitbegründerin des MSB Spartakus. 1971-1990 war sie im Parteivorstand der DKP, 1977-1979 Bundesvorsitzende des MSB Spartakus, später auf Bezirks- und Bundesebene Funktionärin der DKP.

Landefeld ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter. 2017 veröffentlichte sie bei PapyRossa in der Reihe Basiswissen das Buch „Revolution“.

Für die UZ schreibt Landefeld eine monatliche Kolumne.

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"Trumps Labortheorie", UZ vom 8. Mai 2020



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