Im Literaturzelt der UZ-Friedenstage war es voll – und die Portemonnaies schnell leer

Verführung für den Geist

Schnell war am späten Sonntagnachmittag nichts mehr zu sehen vom Literaturzelt. Helferinnen und Helfer hatten es eilig abgebaut. Was bleibt, sind Erinnerungen an ein illustres Programm, erkenntnisreiche Diskussionen und die Bücher, die zu erstehen man nicht unterlassen konnte, trotz bereits meterlanger Leseliste daheim.

Auch wenn das Literaturzelt hinter der Hauptbühne versteckt lag, fanden sich doch bereits am ersten Tag einige ein: Los ging’s am Freitag mit Michael Sollorz und seinem Roman „Die Eignung“. Ich-Erzähler Lars Hagner nimmt darin seinen Beruf als Ostberliner Hausmeister ernst. Ernster noch ist ihm die klandestine Verschwörung gegen die Verhältnisse: Er nimmt Mordaufträge seines ehemaligen NVA-Zugführers Bossert an. Mit „Widerstand ist Liebe“ stellten anschließend die Herausgeberinnen Jara Nasser und Johanna Rothe den Sammelband zu Geschichten der Palästina-Bewegung vor.

Derweil ein antimilitaristischer Poetry-Slam den ersten Abend beschloss und sich das Publikum – Lachtränchen hier, Schauder da – nicht recht traute, sich auf einen Sieger unter den vier Teilnehmenden festzulegen, begann es draußen in Strömen zu regnen. So meinte man, denn es war einfach nur der Rasensprenger, der die Zeltwand von außen mitgoss.

Tags drauf wurde das Publikum übergossen: Mit Neuerscheinungen aus dem Hause UZ-Edition. Manfred Sohn stellte die von ihm und Ralf Hohmann verfasste Streitschrift „Umbau“ gegen den reaktionär-militaristischen Staats- und Gesellschaftsumbau vor. Anschließend präsentierte Gisela Blomberg ihre verdienstvolle Arbeit zu Alice und Werner Stertzenbach. Die Anekdote, wie Alice Stertzenbach im Zug nach Amsterdam gerade in ein Abteil voller SS-Männer gerät, mag sich in vieler Langzeitgedächtnis eingeprägt haben. Sowohl Streitschrift als auch „Alice und Werner Stertzenbach im antifaschistischen Widerstand“ gingen weg wie warme Semmeln.

Zur Bückware wurde dagegen Sven Tarps „Ruhe vor dem Sturm – Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Menschheit“. Das Buch des dänischen Kommunikationswissenschaftlers und Kommunisten wurde von Übersetzer Joscha Landau und Vorwortverfasser Dietmar Dath in einem brechend vollen Zelt vorgestellt. Leider hatte die Druckerei die Auflage nicht rechtzeitig ausgeliefert, und die wenigen Vordrucke gingen schneller weg als Bratwurst zur Mittagszeit. Die Zerstörung der Vernunft werde auf einem Alltagslevel betrieben, was Landau mit dem Paradox untermauerte, dass Künstliche Intelligenz als Produktivkraft eigentlich erfordere, dass wir selbst schlauer werden müssten, um sie bedienen zu können; in den Verhältnissen, in denen wir leben, werden wir durch KI jedoch nur noch dümmer. Sven Tarps Buch tut etwas dagegen. Wer keine Ausgabe ergattern konnte, kann es im UZ-Shop online bestellen.

Noch nicht verfügbar – zumindest in deutscher Sprache – ist „Wo die Zukunft zu Ende ist. Kubanische Sichtweisen auf die DDR und ihr Ende“. Die Editionsgeschichte klingt etwas wild: Kubanische Journalisten haben DDR-Bürgerinnen und -Bürger interviewt, die selbst verschiedenste Ansichten zum sozialistischen Versuch auf deutschem Boden hatten und haben. Das Buch erschien anschließend in Kuba, um aufzuzeigen, was es bedeutet, wenn die Errungenschaften einer Revolution aufgegeben werden. Auch hier war das Zelt brechend voll, vor allem Jüngere fanden sich ein, sicher nicht wenige darunter, die mit der SDAJ vor Kurzem erst die sozialistische Insel bereisten. Tobias Kriele präsentierte das Buch gemeinsam mit Jörg Rückmann, einem der Interviewten.

Am Nachmittag sprachen Franziska Haug als Herausgeberin, Jonas Haug als Beiträger und Norbert Marohn als Interviewter sowie Forschungssubjekt den Band „bin weiblich, männlich, doppelt – Queere DDR-Literatur“ vor. Neben mir wurde eifrig notiert, selbst nachzurecherchieren, was es mit den FDJ-Poetikseminaren auf sich hatte. Wissen darüber findet sich mit dem Text von Rebecca Franke im Band selbst.

In heiterem Ernst ging es weiter: Die Peter-Hacks-Gesellschaft trug – mit Banjo und Querflöte begleitet – Gedichte aus dem neu aufgelegten Band „Diesem Vaterland nicht meine Knochen“ vor. Harten Tobak gab es im Anschluss: Der Hamburger Olivier David las aus seinem Buch „Von der namenlosen Menge“ Essays darüber, was die Klassengesellschaft mit Körpern und Psychen der Subalternen macht. Dagegen helfe nicht, den Antidiskriminierungsbeauftragten zu adressieren. Davids Wunsch nach „Rache“ an jenen, die vom Elend der Massen profitieren, sei eng verknüpft mit der Sehnsucht nach der Einrichtung einer besseren Welt.

Da Raphael Molter bei einem Lautstärkewettbewerb mit den zeitgleich auf der Hauptbühne spielenden Ska-Punkern Banda Bassotti deklassiert worden wäre, wurde die abendliche Fußballrunde in den Salon „Tamara Bunke“ verlegt. Zum Thema Militarisierung zeigte Molter, Koautor von „Matchplan Meuterei“, auf, dass jene Fanszenen am weitesten in der Diskussion stecken, die direkt davon ­betroffen sind. Etwa die Ultras des MSV Duisburg mit einem hohen Anteil an migrantischen Jugendlichen aus der Arbeiterklasse, die von der Bundeswehr mit Geld gelockt werden, das ihnen niemand im zivilen Bereich bietet.

Nachdem am Sonntagvormittag Günter Pohl mit der Vorstellung seines Buchs „Was dieses Land kann“ das Literaturzelt eröffnete, wurde während Marlon Grohns Runde „Was ist Imperialismus heute?“ dann doch etwas gezankt, anhand der titelgebenden Frage, die die kommunistische Weltbewegung derzeit am meisten umtreibt.

Aus Wien angereist, stellte Rick Lupert seinen zweiten Roman, „Erinnern an uns“, vor. Immer mehr Leichen ermordeter Indigener spuckt darin die Erde einer fiktiven, halbgar vom Kolonialismus befreiten Insel aus; ein Krimi, bei dem es weniger darum geht, wer die Verbrechen begangen hat, sondern wann, wie und von wem von Genozid gesprochen wird. Von Stefan Natke moderiert und übersetzt, stellten anschließend Bandmitglieder von Banda Bassotti „¡No Pasarán!“, den Fotoband über die Antifa-Karawana in den Donbass, vor.

Nach Vorstellung der UZ-Reisen in die Volksrepublik China lasen Vincent Sauer und Kai Pohl Essays, Prosa und Lyrik gegen den Krieg vor, die im Berliner Literaturmagazin „Abwärts!“ publiziert wurden. Schweren Herzens musste ich stellvertretend für die programmverantwortlichen Genossen das Literaturzelt nach der Lesung aus dem Roman „Kleiner als drei“ für beendet erklären. Aber: Wir werden uns wiedersehen!

Die Bücher, die im Literaturzelt vorgestellt wurden, gibt es im UZ-Shop.

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"Verführung für den Geist", UZ vom 11. September 2026



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