60 Jahre Ostermarsch in Deutschland

Vom Nichtstun werden keine Kriege verhindert

Seit 60 Jahren gehen hierzulande zu Ostern Menschen auf die Straße, um gegen Krieg und Aufrüstung zu protestieren. Auch in diesem Jahr wird es Aktionen für Frieden, Abrüstung und internationale Verständigung geben – angesichts der Coronakrise aber in anderer Form.

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Vorbild für die ersten Ostermärsche in Deutschland waren die „Aldermaston Marches“ in den 1950er Jahren. 1958 hatte die britische „Campaign for Nuclear Disarmament“ („Kampagne für nukleare Abrüstung“) zu einem Ostermarsch von London zum 83 Kilometer entfernten Atomforschungszentrum Aldermaston unter dem Motto „Ban the Bomb“ aufgerufen. 10.000 Menschen demonstrierten damals gegen die nukleare Aufrüstung und den geplanten Bau einer Wasserstoffbombe auf der Insel. Die Initiative der britischen Aktivistinnen und Aktivisten wurde in anderen westeuropäischen Ländern und vor allem in der Bundesrepublik Deutschland aufgegriffen. Am Karfreitag vor 60 Jahren, am 15. April 1960, starteten in Norddeutschland hiesige Atomkriegsgegnerinnen und -gegner zum ersten Ostermarsch in der BRD, zu einem Sternmarsch von Hamburg, Bremen, Hannover und Braunschweig aus zum NATO-Raketenübungsplatz Bergen-Hohne. Nur wenige Monate zuvor hatte die NATO dort 762-mm-Feldraketen vom Typ MGR-1 „Honest John“ stationiert, die Atomsprengköpfe tragen konnten. Bis heute lagern atomare Sprengköpfe in Deutschland – so etwa im Fliegerhorst Büchel. Ihr Abzug ist bis heute eine Forderung der Friedensbewegung.

In den 60er Jahren entstand aus den Ostermärschen eine Massenbewegung, die Unterstützung wuchs. Schon bald richtete sich der Protest nicht mehr allein gegen Atomwaffen: Gefordert wurden Frieden, vollständige Abrüstung, Verständigung zwischen West und Ost. Privatpersonen wie unterschiedliche Organisationen beteiligten sich. Unter denen, die für „die Welt, die von Waffen nichts mehr hält!“, auf die Straße gingen, waren Menschen aus bürgerlichen Kreisen, Christinnen und Christen ebenso wie Atheistinnen und Atheisten. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, Mitglieder der verbotenen KPD waren ebenso aktiv dabei wie Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. Die Bewegung entwickelte sich zunächst zur „Kampagne für Abrüstung“ (1963) und schließlich zur „Kampagne für Demokratie und Abrüstung“ (1968). Erster Sprecher der Ostermarsch-Kampagne war der Volks- und Realschullehrer Konrad Tempel. 1964 folgte ihm der Politikwissenschaftler Andreas Buro. Klaus Vack (Naturfreunde und DFG) wurde 1965 Sekretär des Zentralen Ausschusses der Ostermarsch-Bewegung. Vack gehörte zusammen mit Tempel, Buro und anderen zu den Organisatoren der ersten Stunde der Ostermarschbewegung auf Bundesebene.

In diesen Jahren gingen an den Osterfeiertagen immer mehr Menschen auf die Straße. Persönlichkeiten wie der Journalist und Publizist Erich Kuby und der Zukunftsforscher Robert Jungk, der Theologe Martin Niemöller und andere erklärten ihre Unterstützung. Einen der Höhepunkte des Ostermarsches 1966 bildete die Teilnahme der US-amerikanischen Folk-Sängerin, Bürgerrechtlerin und Pazifistin Joan Baez.
Auch in dieser Bewegung gab es jedoch kontroverse Debatten und Konflikte. So Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Aber das machte die Ostermarschbewegung nicht obsolet. Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre erreichte sie einen neuen Höhepunkt, als Hunderttausende gegen die Neutronenbombe und den NATO-Doppelbeschluss, gegen die Stationierung von Kurz- und Mittelstrecken-Atomwaffen in der Bundesrepublik auf die Straße gingen. Viele Zehntausende demonstrierten 1991 (2. Golfkrieg, „Desert Storm“), 1999 gegen den NATO-Überfall auf Jugoslawien und 2003 gegen den Irakkrieg – auch zu Ostern. Die Genossinnen und Genossen der DKP waren – teils als Mitorganisatoren – immer mit dabei. In den letzten Jahren koordiniert das Netzwerk Friedenskooperative in Bonn die Ostermärsche.
Noch heute sind die Ostermärsche nötig, keine „Geschichte“. Denn, wie unser Genosse Willi Hoffmeister (geb. 1933), der seit 1961 beim Ostermarsch dabei ist – zunächst „nur“ als Teilnehmer, später als Mitorganisator des Ostermarsches Rhein-Ruhr und bis heute dort als Ostermarsch-Koordinator aktiv – 2011 gegenüber dem Westdeutschen Rundfunk erklärte: „Vom Nichtstun werden keine Kriege verhindert.“

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Vom Nichtstun werden keine Kriege verhindert", UZ vom 10. April 2020



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