Wachstum ist kein Zeichen für „grottenschlechten“ Kapitalismus

Wann sind Profitraten hoch?

Schreckliches ist zu beklagen. Die geschätzten „High-Tech-Werte“ an der US-Börse Nasdaq befinden sich im Abwärtstrend. Im Jahresvergleich hatten Ende vergangener Woche Amazon und Tesla fast die Hälfte, Alphabet (früher Google) 37 und Meta (früher Facebook) sogar 65 Prozent ihres Börsenwertes verloren. Der Nasdaq-Index selber hat im Laufe des Jahres 31 Prozent eingebüßt. Für die Bezeichnung „High-Tech“, die einen hohen Grad an technischer Nutzung bei Produktion und Vertrieb suggeriert, gibt es kein Patent. Die Mainzer Vorzeigefirma BioN­Tec hatte schon eine Börsennotiz an der Nasdaq, nicht aber an deutschen Börsen, bevor ihr die Impfkampagnen gegen die Corona-Seuche die Milliarden in die Kasse spülten. Dass die Titel an der Nasdaq viel Computertechnik nutzen, vielleicht sogar innovativ, gilt als Standard, ist aber bei vielen nicht das Besondere. Vielmehr ist starkes Wachstum ein gemeinsames Merkmal. Die meist jungen Unternehmen sind wachstumsstark, nicht aber schon besonders profitabel.

Lucas Zeise1 sw NEU - Wann sind Profitraten hoch? - Finanzkapitalismus, Profit - Positionen

Als Amazon 1997 als „größter Buchladen der Welt“ (Eigenwerbung) an die Börse kam, hatte der Versandhändler ein Jahrzehnt starken Wachstums, aber ohne Gewinne hinter sich. Dennoch stieg der Börsenkurs rasant. Die Aktienanleger waren entzückt nicht von hohen Gewinnen, sondern vom hohen Akkumulationstempo dieses Kapitals, das auf mittlere Sicht sogar das Erreichen einer Monopolstellung, also nicht nur hohe, sondern exorbitante Gewinne versprach. So flossen Amazon-Chef Jeff Bezos enorme Kapitalsummen zu, für die er damals schon kaum Zinsen aufwenden musste, was es ihm ermöglichte, Konkurrenten zu übernehmen und hohe Investitionen zu tätigen, um das hohe Wachstumstempo durchzuhalten. Die eingangs genannten Riesen an der Wall Street sind allesamt solche Wachstumswerte. Unter vielen viel versprechenden Wachstumsfirmen sind sie übrig geblieben. Andere sind pleite gegangen, geschluckt worden oder fristen ein bescheidenes Dasein. Die großen aber sind längst ins Reifestadium übergegangen. Ihre Profite sprudeln wie von der Börse erwartet. Ihre Profitrate ist weit überdurchschnittlich. Die Manager solcher Gewinnkolosse haben heute das Problem, dass sie keine Anlage-, Investitions- und Wachstumsmöglichkeiten mehr sehen. Mark Zuckerberg (Facebook) und Elon Musk (Tesla) stecken ihr Geld in absurde Vorhaben, was die Misere auf hohem Niveau erst deutlich macht.

Analog unterscheiden sich auch ganze Volkswirtschaften. Schnell wachsende kapitalistische Ökonomien weisen meist eine niedrigere Profitrate auf als reife. Sie investieren mehr. So ist es nicht erstaunlich, dass die Unternehmen und Großkonzerne in China mit ihrer enorm hohen Investitionsquote eine viel niedrigere Profitrate ausweisen als im Durchschnitt der kapitalistischen Welt. Es ist damit noch lange kein „grottenschlechter Kapitalismus, wenn es denn einer wäre“, wie Wolfram Elsner in seinem Beitrag zur China-Debatte (UZ vom 9. Dezember) meint. Auch Japan wies bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts eine notorisch niedrige Profitrate auf. Klar, Elsner will in diesem Zusammenhang zeigen, dass China noch kein reifes altkapitalistisches Land, sondern ein „Schwellenland mit sozialistischer Perspektive“ sei. Mit dem Begriff Schwellenland bezeichnen die Volkswirte aus unseren hochentwickelten, altkapitalistischen Regionen jene Länder, die sich noch an der Schwelle zu diesem wundervollen hochentwickelten Stadium des Kapitalismus befinden. Es ist auch nicht anzunehmen, dass ein Land, wenn es diese Schwelle erreicht hat, nun mal eben in eine sozialistische Produktionsweise hinüberhupfen kann. Aus der Art und Weise, wie die Ökonomie Chinas funktioniert und sich aktuell entwickelt, lässt sich die sozialistische Perspektive jedenfalls nicht erkennen.

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Über den Autor

Lucas Zeise (Jahrgang 1944) ist Finanzjournalist und ehemaliger Chefredakteur der UZ. Er arbeitete unter anderem für das japanische Wirtschaftsministerium, die Frankfurter „Börsen-Zeitung“ und die „Financial Times Deutschland“. Da er nicht offen als Kommunist auftreten konnte, schrieb er für die UZ und die Marxistischen Blättern lange unter den Pseudonymen Margit Antesberger und Manfred Szameitat.

2008 veröffentlichte er mit „Ende der Party“ eine kompakte Beschreibung der fortwährenden Krise. Sein aktuelles Buch „Finanzkapital“ ist in der Reihe Basiswissen 2019 bei PapyRossa erschienen.

Zeise veröffentlicht in der UZ monatlich eine Kolumne mit dem Schwerpunkt Wirtschaftspolitik.

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"Wann sind Profitraten hoch?", UZ vom 23. Dezember 2022



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