Afrin eingenommen

YPG kündigt Guerillakrieg an
Von Manfred Ziegler
|    Ausgabe vom 23. März 2018

Zwei Monate nach seinem Beginn endete der türkische Feldzug mit dem zynischen Namen „Olivenzweig“, zumindest vorerst. Die Freie Syrische Armee (FSA), die terroristischen Verbündeten der türkischen Armee, besetzte die Stadt Afrin kampflos. Die Stadt wurde geplündert, türkische Fahnen aufgezogen. Hunderttausende flüchteten aus Stadt und Region Afrin, zunächst in Gebiete unter Kontrolle der syrischen Regierung.Die Bilanz der türkischen Aggression: Über 1000 tote und verletzte Zivilisten, ungezählte Tote auf dem Schlachtfeld. Nach fast zwei Monaten des Krieges war das Ende absehbar. Deutsche Panzer, Luftangriffe, Artillerieüberfälle, Blockade der Wasserversorgung: die kurdischen Verteidiger hatten den Waffen der Angreifer wenig entgegenzusetzen.
Der scheinbar größte Trumpf der YPG, das Bündnis mit den USA, zerfiel mit dem ersten Schuss der türkischen Armee zu Staub. Die Hoffnung auf eine Flugverbotszone durch die USA war von vornherein eine Illusion, internationale Demonstrationen und Proteste konnten daran nichts ändern. Zu Beginn des türkischen Feldzugs beschuldigte das Oberkommando der YPG Russland „der kriminellen Komplizenschaft“ mit Ankara. Moskau wolle Afrin zur Unterordnung unter das Regime in Damaskus zwingen. Die Verwaltung von Afrin ging ihren eigenen Weg und lehnte eine Vereinbarung mit der syrischen Regierung ab – im Vertrauen auf das Bündnis mit den USA.
Die syrische Regierung verurteilte die türkische Aggression vom ersten Tag an. Als es schließlich doch noch zu einer Übereinkunft zwischen der kurdischen Verwaltung und der Regierung kam, war es viel zu spät. Die syrischen Milizen, die zur Unterstützung in Afrin einrückten, gerieten selbst in den türkischen Bombenhagel und konnten an der militärischen Situation nichts ändern.
Die syrische Armee verhielt sich in diesem Fall wie bei Angriffen der israelischen oder US-Luftwaffe zuvor. Sie begrub ihre Toten und setzte den Kampf für die Stabilisierung Syriens fort – ohne sich auf einen abenteuerlichen Krieg gegen den NATO-Staat Türkei einzulassen. Luftabwehr war nie Teil des Verteidigungspaktes der YPG mit Damaskus. Nach der Besetzung von Afrin wirft die kurdische Verwaltung erneut Russland die Zusammenarbeit mit der Türkei vor und kündigt einen Guerillakrieg gegen die Besatzer an.
Wie geht es nach dem aus türkischer Sicht erfolgreichen Abschluss der Operation „Olivenzweig“ weiter? Kommt als Nächstes der Angriff auf Manbidsch, wie der türkische Präsident nicht müde wird zu betonen? Oder gibt es womöglich bereits eine Einigung mit der US-Regierung, wie die türkische Regierung behauptet? Schließlich gaben die USA auch grünes Licht für den Angriff auf Afrin.
Nach zwei Monaten des Kampfes ist Afrin in die Hand der türkischen Armee gefallen. Dieser Feldzug wurde nicht nur gegen die kurdischen YPG geführt, er ist ein Teil des Krieges um die Zukunft Syriens. Nach wie vor gibt es den Versuch, den Norden vom Rest Syriens abzuspalten, die Frage ist nur: unter wessen Kontrolle?


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Leserbrief zu »Afrin eingenommen«, UZ vom 23. März 2018





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