Zum Deutschlandticket

Da geht mehr

Zum 1. Mai wird das Deutschlandticket realisiert. Viele Nutzerinnen und Nutzer von Bahnen und Bussen werden davon zweifellos profitieren, für einen großen Teil der Berufspendler wird damit der Arbeitsweg kostengünstiger.

Aber gerade Berufspendler sind auf halbwegs pünktliche Züge angewiesen. Und davon sind wir weit entfernt, das erlebe ich nun täglich hautnah. Verspätungen sind die Regel, Ausfälle nicht nur Ausnahmen, teilweise fallen wegen Baumaßnahmen oder „kurzfristiger Erkrankung des Personals“ Strecken über Wochen aus mit dem Ergebnis, dass der entnervte Mensch sich dann doch wieder hinter das Lenkrad seines Autos setzt. Und wenn die Bundesampel nun wieder auf neue Autobahnen setzt, wird bei den begrenzten Finanzmitteln und Ressourcen die notwendige Sanierung der Bahninfrastruktur mitsamt dem Klimaschutz auf der Strecke bleiben.

Der stolze Preis für die Fahrradmitnahme im Zug – 39 Euro im Monat – ist auch nicht geeignet, um Menschen für den Umstieg auf den ÖPNV zu gewinnen. Nicht nur wegen der Kosten, die unzureichenden Kapazitäten für den Radtransport bei der Bahn strafen ihren Werbeslogan „bequem durch ganz Deutschland“ Lügen.

Völlig ausgeblendet bleibt eine soziale Komponente. Die Bedürfnisse von Menschen mit geringem Einkommen und Familien werden zu wenig berücksichtigt, kritisiert auch der Fahrgastverband Pro Bahn. Für die meisten Familien sind 49 Euro pro Kopf und Monat nicht zu stemmen. Benötigt wird ein bundeseinheitliches Sozialticket für Menschen mit geringem Einkommen. Die kostenlose Mitnahme von Kindern bis 14 Jahre muss ermöglicht werden.

Die Erfahrungen mit dem 9-Euro-Ticket werden nicht umgesetzt. Diese kostengünstige Variante hat zumindest jede zehnte Fahrt mit dem Auto ersetzt. Eine Nachbefragung hat ergeben, dass nach dem Aktionszeitraum die Häufigkeit von Autofahrten wieder das alte Niveau erreicht hat. Das ist aufgrund der Preise und der Qualität wenig verwunderlich.

Nicht nur wegen der drohenden Klimakatastrophe muss der ÖPNV attraktiver werden. Das 9-Euro-Ticket führte zu einer finanziellen Entlastung der Nutzer, „spürbar entlastet“ wurden der Nachbefragung zufolge besonders einkommensschwache Haushalte. Das Deutschlandticket reicht nicht aus, will man einen Einstieg in eine Verkehrswende einleiten und die soziale Teilhabe gerade finanziell schwächerer Familien berücksichtigen. Da geht mehr und da muss mehr gehen.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Da geht mehr", UZ vom 7. April 2023



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol LKW.



    UZ Probe-Abo [6 Wochen Gratis]
    Unsere Zeit