Das versteckte Gutachten

Frankreich: 35-Stunden-Woche wirkt sich positiv aus
Von Georges Hallermayer
|    Ausgabe vom 19. August 2016

Der Chef der „Inspektion General des Affaires Sociales“ (IGAS), Pierre Boissier, ist ein dienstbarer Mann: als Staatssekretär unter Premierminister (und Präsidentschaftsanwärter) Alain Juppé und seit 2009 an der Spitze der IGAS, einer Behörde mit umfangreichen Kompetenzen in sozialen Angelegenheiten. IGAS kontrolliert unter anderem die Einhaltung des Arbeitsrechts und des Arbeitsschutzes sowie die Empfänger staatlicher Sozialleistungen und bewertet die staatliche Sozialpolitik.

„Mediapart“, eine Onlinepublikation, deckte vergangene Woche auf, dass der IGAS-Chef ein Gutachten von Arbeitsinspektoren zur 35-Stunden-Woche im Schreibtisch verschwinden ließ, weil es eine positive Bilanz zieht. Die IGAS wäre aber verpflichtet ein solches Gutachten der Regierung und der Öffentlichkeit zu übergeben, wie die beiden in der Behörde vertretenen Gewerkschaften SMIGAS und CFDT kritisieren.

Der Bericht passte den bürgerlichen Parteien nicht in den Kram, schon gar nicht in Vorbereitung des Präsidentschaftswahlkampfes im Frühjahr 2017. Boissiers Begründung für die Geheimhaltung: Die Arbeitsinspektoren hätten Fehler gemacht und sich den Überlegungen von Ökonomen geöffnet, die von der herrschenden Lehre abweichen.

Ungeachtet dessen ist die Bilanz der 35-Stunden-Woche einer Auswertung von Daten der offiziellen Statistiken zu entnehmen. Die Arbeitsinspektoren bestätigen den positiven Beschäftigungseffekt der Reformen der damaligen Ministerin Martine Aubry von 1998 und 2000. Demnach seien zwischen 1998 und 2002 effektiv 350 000 Arbeitsplätze geschaffen worden. Eine vorsichtigere Bewertung ergab hingegen die Evaluierung der zwischen 1993 und 2002 geförderten 150000 Teilzeit-Jobs. Das Gutachten warnte vor einer qualitativen Abwertung von Teilzeitstellen und der steigenden Tendenz zu Mehrfach-Jobs.

Vor dem Hintergrund, dass „die effektive Arbeitszeit in Frankreich im Vergleich zu den anderen EU-Ländern nicht niedriger ist, wenn man die Gesamtarbeitszeit der Beschäftigten nimmt und nicht nur die der Vollzeitarbeitsplätze“, wird dieses Gutachten der Arbeitsinspektoren die Diskussion um die Arbeitszeitverkürzung weiter anfachen.

Die Gewerkschaft CGT fordert die gesetzliche 32-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Angesichts der (unter dem verharmlosenden Slogan „Industrie 4.0“) verstärkt betriebenen Digitalisierung von Arbeitsabläufen zu erwartenden Entlassungen in Europas größten Ökonomien Deutschland und Frankreich nimmt die Forderung nach Reduzierung von Arbeitszeit für die gewerkschaftliche Mobilisierung an Bedeutung zu.


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