Profitabler Krankenstand

Podiumsdiskussion zur Kranken- und Altenpflege in Frankreich und Deutschland
Von Andreas Grimm
|    Ausgabe vom 20. Januar 2017

Am 14. Januar fand in Stuttgart ein Meinungsaustausch französischer und deutscher Klinikärzte und -pfleger zu den zunehmenden Missständen im Gesundheitswesen statt. Dessen Ökonomisierung zeitigt eine rasante Privatisierung der Krankenhäuser und in beiden Ländern einen extremen Pflegenotstand. Entsprechend wurde es aus beiden Ländern thematisiert.
In Deutschland fehlen mindestens 100 000 Pflegekräfte. Mit zunehmender Anzahl an Patienten im Millionenbereich gegenüber früheren Jahren nimmt die Zahl an PflegerInnen ab. Zwischen 1996 und 2007 wurden 48 000 Vollzeitstellen abgebaut. Die Überforderung des Personals (auf einen Pfleger kommen 37 Patienten) führt zur Anhäufung an Überstunden, d. h. bis zu 12 Stunden Arbeit ohne Pause unter Missachtung des Arbeitsrechts, einem entsprechend hohen Krankenstand und Frühverrentung. Die christliche Fundierung vieler Hospitäler kommt den Profiteuren zugute: Der Aufopferungsgedanke legitimiert die Überforderung.
In Frankreich herrscht bezüglich der Situation der PflegerInnen eine besondere Paradoxie vor. Aufgrund eines ursprünglich ermittelten Bedarfs an Pflegekräften wurden zu viele Pfleger ausgebildet, die nun arbeitslos sind, obwohl in den Krankenhäusern gleichzeitig Personalmangel herrscht.
Diese horrende Unterbesetzung ist in beiden Ländern der „Fallpauschale“ geschuldet, einem Preis- und Honorarsystem. Nach diesem werden lukrative Leistungen maximiert, was z. B. zu einer exponentiellen Zunahme an unnötigen Knie- und Hüft-OPs führt, während die notwendige Pflege vernachlässigt wird, da die nichts einbringt. Frühgeborene Kinder sind mit 250 000 Euro Marktwert bei der Abrechnung beliebter als fristgerechte Neuankömmlinge. Diese implizite, d. h. verborgene Rationierung medizinischer Maßnahmen zur Kosteneinsparung dient der Profitmaximierung auf dem entfesselten Gesundheitsmarkt.
2001 hatten französische Pflegekräfte noch Zeit für Gespräche mit Patienten und Angehörigen, was der heutige Pflege-Fordismus nicht mehr zulässt. Geschickt gesteuerte Umfragen in deutschen Krankenhäusern lassen 70 bis 80 Prozent der vorzeitig entlassenen Patienten dennoch Zufriedenheit mit der minimierten Pflege bescheinigen.
Die französischen DiskutantInnen charakterisierten ihr Gesundheitssystem als sowohl sozial als auch marktorientiert und fürchten eine Verschiebung in Richtung der Marktstrategie.
In Deutschland soll es nach dem Erfolg des Streiks in der Berliner Charité bundesweit Aktionen geben. Vom Bundesgesundheitsministerium angekündigte Erhöhungen des Budgets, die Einhaltung des in Berlin erkämpften Personalsschlüssels und der Nutzen der „Pflegestärkungsgesetze“ müssen in den nächsten Monaten durch Befragung der Verantwortlichen beobachtet werden, so das Resümee von deutscher Seite.


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Leserbrief zu Artikel »Profitabler Krankenstand«, UZ vom 20. Januar 2017





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