Im Teufelskreis der Armut

Stromabschaltungen treffen auch Familien mit Kindern
Von Markus Bernhardt
|    Ausgabe vom 27. Oktober 2017

Die Zahlen sprechen für sich und geben zugleich Auskunft über den tatsächlichen Zustand der vermeintlichen sozialen Marktwirtschaft: Über 330 000 bundesdeutschen Haushalten ist im vergangenen Jahr der Strom abgestellt worden, da die Betroffenen nicht mehr in der Lage waren, die teils horrenden Rechnungen zu begleichen. Hinzu kommen rund 6,6 Millionen Haushalte, denen 2016 von den Energieversorgern eine sogenannte Stromsperre angedroht worden ist. Dies geht aus einem Entwurf für den Jahresmonitoringbericht hervor, der vom Bundeskartellamt und der Bundesnetzagentur herausgegeben wird und mit dem die beiden Behörden die Entwicklungen im Bereich der Energieversorgung beobachten.
Was es vor allem für Familien mit Kindern oder Alleinerziehende bedeutet, den Alltag ohne Stromzufuhr zu meistern, ist nur schwerlich vorstellbar. Das Zubereiten warmer Mahlzeiten fällt ebenso flach wie das Waschen von Wäsche, das Telefonieren oder in den Abendstunden ein Buch zu lesen. Die von Stromsperren betroffenen Menschen, denen schlichtweg das Geld fehlt, die Rechnungen zu begleichen, werden nahezu komplett aus ihrem Leben gerissen und zusätzlich zu ihrer Geldknappheit noch weiter isoliert.
Betroffen von den radikalen Maßnahmen der Energiekonzerne sind beileibe nicht nur Hartz-IV-Empfänger, sondern beispielsweise auch Niedrigverdiener und Studenten. Obwohl sich die Strompreise seit dem Jahr 2000 fast verdoppelt haben, sind jedoch weder die Hartz-IV-Regelsätze noch das durchschnittliche Realeinkommen im selben Zeitraum angemessen gestiegen. Wie auch in allen anderen Lebensbereichen wie etwa in puncto Mobilität deckt auch der für Energie vorgesehene Anteil in den Hartz-IV-Regelsätzen die tatsächlich anfallenden Kosten nicht. Wenn es erst einmal zu einer Stromsperrung gekommen ist, wird die Situation für die Betroffenen noch auswegloser. So müssen diese nicht nur die ausstehenden Rechnungen begleichen, sondern auch die hohen Gebühren, die für die Sperrung eines Anschlusses anfallen.
Klar dürfte sein, dass kein Mensch freiwillig eine Stromabschaltung riskiert. Nicht selten sind es von Jobcentern verhängte Sanktionsmaßnahmen oder der ohnehin viel zu niedrige Hartz-IV-Regelsatz, der zur Zahlungsunfähigkeit führt. Hinzu kommt, dass Haushalte mit niedrigen Einkommen kaum in der Lage sind, sich neuwertige und somit verbrauchsarme Haushaltsgeräte zu leisten. Insofern bleibt ihnen kaum etwas anderes übrig, als einen hohen Stromverbrauch zu riskieren. Dass Menschen in einem reichen Land wie der Bundesrepublik durch Stromsperren selbst das letzte Existenzminimum abgesprochen und genommen wird, ist schlichtweg nicht hinnehmbar. Stromsperren müssen gesetzlich untersagt werden, Kosten durch die zuständigen Sozialämter und -behörden übernommen werden. Dass hier dringendster Handlungsbedarf besteht, machen die nun veröffentlichen Zahlen jedenfalls mehr als deutlich.


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