Alles vorbei

Finalspiele, Nationalisten und ein „Gehängter“
Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 20. Juli 2018

Der Wecker klingelte Samstag früh um 7.30 Uhr, die UZ-Extra zum Pressefest rief mich zum Layout an den häuslichen Schreibtisch. Kein schöner Anfang. Das Semifinale schaute ich dann nur mit U., dem Mann ohne Zähne, und einigen anderen finsteren Gestalten. Die schöne M. schrieb um 15.00 Uhr: „Lege mich nochmal hin.“ Hmm. Hätte mir sicherlich auch gut getan, am Vorabend war ich auf einer Feier, wo u. a. „Gehängter“ gereicht wurde. Dumm, wie ich bin, probiere ich ja erst mal alles. Ein „Gehängter“ aber ist dieses: Eine Sardelle aus dem Glas (das Salz wird nicht abgewaschen) mit einem Zahnstocher in ein Pinnchen warmen Korn gehängt, fünf Minuten warten, Sardelle essen, Korn hinterherkippen.
Tut es nicht, es schmeckt scheiße. England gegen Belgien immerhin war nicht scheiße, zumindest die Belgier wollten gerne den dritten Platz, den sie durch ein verdientes 2 : 0 auch erhielten. Ein überflüssiges Spiel, aber ansehnlich. Abends holte mich die schöne M. ausgeschlafen zu einer weiteren Party ab, betrat also erstmals meine Wohnung und ging nicht direkt rückwärts wieder raus. Sie trank sogar ein ganzes Bier auf meinem Sofa. Immerhin.
Nach fünf Stunden Schlaf, alleinigem natürlich, schrillte erneut der UZ-Extra-Wecker. Uff. Nach weiteren fünf Stunden holten mich dann am frühen Nachmittag die Partys und die Arbeit ein, ich legte meinen schweren Kopf in den Schrebergarten und schrieb der schönen M.: „Kein Rudelgucken heute, schaffe ich nicht. Komm zum Schauen in den Garten, wenn du magst.“ Sie mochte nicht und schrieb zurück „Ein wenig angepisst bin ich schon.“ Au Backe.
Das große Finale war dann ein sportliches, aber vor allem auch ein politisches. Wer die Geschichten gelesen hat (sehr guter Artikel bei „schwatzgelb.de“) und die Videos der Kroaten aus der Kabine gesehen hat, der konnte nicht für diese Mannschaft sein. In der Kabine lief nach ihren Siegen die Band „Thompson“, die rechtsradikalste Gruppe Kroatiens, und diverse Spieler sangen mit. Ein Lied beginnt gleich mit „Za Dom – Spremni“ – dem Ruf der Ustascha. Unter ihrem Regime wurden mehrere Hunderttausend Serben, Juden, Roma, Antifaschisten und Kommunisten in Konzentrationslagern bestialisch umgebracht.
Für mich war also klar: Es musste Frankreich werden! Und die Sache war gar nicht so einfach, die Franzosen schienen plötzlich Angst zu haben und die Kroaten liefen wie (nationalistisch) aufgezogene Dura-Cell-Hasen über den Platz. Freundlicherweise fing der Kroate Mandzukic das Torspektakel mit einem Eigentor an und es gab auch sonst allerlei Spannung: Ein Elfmeter durch Videobeweis (zu Recht, wie ich fand), ein wahnsinniger Torwartfehler der Franzosen und drei weitere schöne Tore. Frankreich wurde mit 4 : 2 Weltmeister. Im übrigen gibt es da jemanden, der Frankreich vorausgesehen hatte, wie in der UZ nachzulesen ist: Ich. Immerhin.
Die schöne M. hat sich abends noch per WhatsApp entschuldigt und mir eine schöne Nacht gewünscht, Frankreich ist ein würdiger Weltmeister und wenn jetzt dieser Zeitungsausgabe noch die UZ-Extra beiliegt, ist doch alles richtig gelaufen. Ich verabschiede mich dann mal in die Sommerpause mit dem lieben Toni Polster (u. a. 1. FC Köln): „Ich grüße meinen Vater, meine Mutter und ganz besonders meine Eltern.“


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