(Auto-)Widersprüche nicht lösbar

Anne Rieger über Individualverkehr
|    Ausgabe vom 5. Juli 2019

Die Menschen ersticken in der Autoflut. 70 Millionen PKW werden Jahr für Jahr weltweit produziert, von deutschen Herstellern 16 Millionen. Fahrverbote in Städten zeigen, dass sie nicht mehr beliebig bewegt werden können. Der Autotraum von „Freiheit und Unabhängigkeit“ ist längst ausgeträumt. In Tirol werden Autos auf der Autobahn eingepfercht, dürfen Ausweichrouten am Wochenende nicht mehr nutzen, denn die Menschen in den betroffenen Orten leiden unter Verkehrsinfarkten, Lärm und Abgasen. Autos verseuchen das Klima, darüber reden wir. Zusätzlich aber besetzt der Individual- und Güterverkehr öffentliche Räume, Straßen und Flächen zur Lagerung, zum Parken von Autos und durch kilometerlangen Staus. Täglich erleben wir, wie wieder ein Stück Natur durch Fahrbahnen zerstört wird.
Es braucht einen Stopp der Autoproduktion und stattdessen massive Investitionen in kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, bezahlbaren Fernverkehr mit hoch besteuerter Flug- und Schiffsenergie. Es braucht eine Senkung der alltäglich erzwungenen Mobilität, eine sozial- und naturverträgliche Qualität von Produktion mit sparsamem Energie- und Ressourcenbedarf, Vertrieb und Konsum. Es braucht einen Umbau der Wirtschaft, kürzere Wertschöpfungsketten, drastisch kürzere Arbeitszeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich und damit gute Arbeit und gute Einkommen für alle. Nicht konkurrenzgetriebenes industrielles Wachstum, sondern Schutz von Natur und Menschen, verbunden mit dem Ausbau öffentlicher Daseinsvorsorge und Bildung, muss Vorrang haben.
Das alles kann die Investition in individuelle Mobilität auch mit E-Autos nicht bieten. Ihr großer Energie- und Ressourcenverbrauch, die Ausbeutung von Natur und Menschen im Produktionsprozess und bei der Anwendung ihrer straßenlastigen und platzraubenden Infrastruktur bieten weder eine Antwort auf die Klimakrise noch eine Lösung für die knappen Flächen. Die von Konzernherren und IG Metall geforderten immensen Steuermittel wären Investitionen in die Zerstörung des Planeten und unserer Lebensqualität. Wir brauchen sie für unsere Alternativen. Aber Autos sollen in großen Mengen weiter gebaut werden, immer schneller, mit „Effizienztechnologien“. Die Produktionskosten werden tendenziell sinken, Beschäftigte weniger gebraucht, Massenarbeitslosigkeit droht, vielleicht nicht bei uns, dann aber in andern Ländern.
Im Kapitalismus gibt es kein Einhalten bei der Produktion von Autos, denn der Mehrwert, der durch ihre Produktion entsteht und durch die arbeitenden Menschen geschaffen wird, wird von den Kapitalisten angeeignet. Sie werden nicht aufhören, Autos und andere Konsumgüter produzieren zu lassen, solange sie Profite bringen, auch wenn sie bereits nach wenigen Jahren in der Schrottpresse landen oder wie andere Waren auf dem Müll.
Es geht nicht nur um eine angemessene Umweltpolitik, sondern um eine andere Gestaltung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. „Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien“ forderten einige Metaller auf der „FairWandel“-Demo in Berlin. Sorgen wir dafür, dass die Losung Verbreitung findet. Der Kapitalismus wird seine Widersprüche nicht abschaffen. Wenn wir überleben wollen, müssen wir den Kapitalismus abschaffen.


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