Da weint nicht nur das Schwein

Clemens Tönnies belegt Platz 85 der reichsten Deutschen
Von Richard Corell
|    Ausgabe vom 16. August 2019

Wer ist denn dieser Clemens Tönnies, der sich vor großem Publikum – 1 600 menschen waren es, inklusive eines Erzbischofs, – am 31. Juli beim Tag des Handwerks in Paderborn unter Schmunzeln und Gelächter, verhaltenem Beifall ohne hörbare Unmutsbekundungen rassistisch und so verächtlich über „die Afrikaner“ meint äußern zu müssen? Wofür steht er, wenn er nicht grade als Aufsichtsratsvorsitzender von Schalke 04 seinen Verein in Verruf bringt?
Die Tönnies-Gruppe mit weltweit rund 16 000 Mitarbeitern hat 2018 mit dem Schlachten von Schweinen und Rindern einen Umsatz von 6,65 Milliarden Euro erzielt. Sie zählt zu den Hauptlieferanten McDonald‘s, aber auch unter verschieden Markennamen bei Aldi, Lidl, Edeka und Rewe. Das US-Magazin Forbes schätzt sein Vermögen auf schlappe ca. 1,4 Milliarden Euro. Damit belegt Clemens Tönnies Platz 85 der reichsten Deutschen (Stand April 2019).
Tönnies wird im Zusammenhang mit allen möglichen kriminellen Aktivitäten genannt: Großverdiener im Kartell der Cum-Ex-Steuerbetrüger, wegen verbotener Absprachen im Fleisch- und Wurstkartellwesen sowie Einstieg in die Landwirtschaft und Tierfutterproduktion in Rumänien mit zweifelhaften EU-Subventionen.
5 000 Osteuropäer – viele davon bei Tönnies beschäftigt – leben und arbeiten allein in Gütersloh unter unglaublichen Bedingungen. Die „Neue Westfälische“ berichtete im vergangenen Jahr, dass sich zehn Menschen eine 70-Quadratmeter-Wohnung teilen müssen, und von 12-Stunden-Arbeitstagen. Nach Abzug der Miete, die gleich vom Lohn einbehalten wird, bleiben ihnen noch 900 bis 1 000 Euro, Bezahlung nach Mindestlohn, gegen dessen Einführung damals Tönnies auch noch mobil machte.  Am Stammsitz Rheda mit seinen 6 300 Beschäftigten haben 3 000 lediglich Werkverträge.
In Gütersloh hat sich ein „Bündnis gegen die Tönnies-Erweiterung“ gebildet. Über den Tönnies-Schweine-Schlachthof, den größten Deutschlands, geraten, so der Vorwurf, multiresistente Keime in die Ems. Immerhin 26 000 Schweine lassen hier jeden Tag ihr Leben, und das, was als nicht verwertbar übrigbleibt, geht über die städtische Kläranlage in den Fluss. Schwer haben es die Aktivisten dort: Tönnies steht mit der „lieben Liz“ Mohn von der Bertelsmannstiftung auf Du und Du. Fleisch- und Medienmonopol zusammen ebnen sich die Wege in der Politik, auch in Berlin.
Die frühere Agrarministerin und Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast steht im „Nachhaltigkeits-Dialog“ mit Tönnies. Das Unternehmen schreibt ihr artig: „Sehr geehrte Frau Künast, haben Sie vielen Dank für Ihre Einschätzung zu unserem Nachhaltigkeits-Dialog auf www.toennies-dialog.de. Ihre Meinung als Abgeordnete und langjährige Expertin für Fragen der Ernährungs- und Tierschutzpolitik ist uns wichtig. … Ihre Idee, die Bratwurst in deutschen Fußballstadien mit Fleisch aus dem Tierschutzlabel zu beliefern, findet unsere volle Unterstützung. Wenn die Konsumentinnen und Konsumenten in Deutschland diese Produkte nachfragen, werden wir es als erste liefern.“
Wer wie Künast meint, im Klimaschutz ginge es vorwärts mit Tierschutzlabels ohne Enteignung des Agro­business und generell der Monopole, ohne Veränderung der Machtverhältnisse, ohne Planwirtschaft, ohne Sozialismus, ist entweder böswillig oder naiv. Und hilft letztlich, die Kosten und Lasten der Umweltverheerung auf die Werktätigen abzuladen. Fleisch gibt’s dann nur noch für die Reichen.
Tönnies spielt natürlich nicht in der Liga der wirklichen Oligarchen wie die Oetkers etwa, aber bei Familienzwistigkeiten kann er es bereits – was die Ekelhaftigkeit betrifft – mit den ganz Großen aufnehmen. Der Sohn seines Bruders, der ebenfalls 50 Prozent an der Tönnies-Holding hält, hatte ihm vorgeworfen, ihn jahrelang hintergangen und betrogen zu haben. Die Angelegenheit ging mehr als fünf Jahre durch die Gerichte bis zum BGH. Zwischendurch nach 2017 schlachteten sie wieder gemeinsam. Jetzt ist der Streit erneut ausgebrochen. Man weiß, was sich da schlägt und verträgt.


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Leserbrief zu Artikel »Da weint nicht nur das Schwein«, UZ vom 16. August 2019





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