Rassenideologie tötet

Gedenkveranstaltung „NS-Kranken- und Behindertenmorde“ in Osnabrück
Von Johannes Wolff
|    Ausgabe vom 4. Oktober 2019

Der Gewerkschaftschor „Roter Akkord“

Der Gewerkschaftschor „Roter Akkord“

( FJohannes Wolff)

Mit einer Gedenkveranstaltung am ehemaligen Landeskrankenhaus in Osnabrück erinnerten Mitglieder der VVN-BdA und Gewerkschaftsmitglieder am 22. September an die Ermordung von geistig und körperlich Kranken in der Zeit der faschistischen Herrschaft in Deutschland. Die Veranstaltung wurde unterstützt vom Gewerkschaftschor „Roter Akkord“. In ihren Redebeiträgen riefen Nicole Verlage (ver.di), Astrid Müller (GEW) und der Osnabrücker Diplom-Psychologe Hartmut Böhm ins Bewusstsein, dass die Rassenideologie als Rechtfertigung für die Ermordung von „kranken, wehrlosen und arglosen Menschen“ diente, wie es Böhm in seinem einleitenden Beitrag formulierte (siehe Kasten). Er nannte die Zahl von 378 Menschen, von denen man annimmt, dass sie an diesem Ort getötet wurden.
Auf dem Gelände, auf dem heute eine vom Schweizer Ameos-Konzern betriebene Psychiatrie angesiedelt ist, wurden 2005 zwei Stelen als Mahnmal aufgestellt. „Ich bin ausgegrenzt, stigmatisiert, zwangssterilisiert, ermordet und vergessen“, lautet ein Teil der Inschrift. Für 65 Patientinnen und Patienten der damaligen Provinzial Heil- und Pflegeanstalt sind inzwischen Stolpersteine verlegt worden.

 

Die neue Parole: „Heilen oder Vernichten“

Auszug aus der Rede von Hartmut Böhm
„Im ausgehenden 19. Jahrhundert kam der Begriff ‚Rassenhygiene‘ auf. Da ging es um den Erhalt der eigenen ‚Reinheit‘ und Stärke. (…) In den 1920er Jahren mehrten sich Rufe nach Regulierungsmaßnahmen gegen ‚lebensunwertes Leben‘. (…) Am 1. Juli 1933 kam das ‚Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses‘. Die Kirchen schwiegen. Die Evolutionswissenschaften hatten sie auf den Index gesetzt, nicht aber den Vulgädarwinismus, die Vernichtungsideologie. Der neue Staat kündigte den Kranken und Schwachen die Fürsorge auf. Es wurde die Parole ‚Heilen oder Vernichten‘ ausgegeben – als unheilbar Eingestufte wären zu töten. (…)
Und nach 1945? (…) Über die Ermordeten aus diesem Krankenhaus wurde lange geschwiegen. (…) Nur selten wurden Angehörige für das Leid der Opfer entschädigt. Zwangssterilisierungen blieben ungesühnt und in der Regel gab es auch keine Entschädigungen für die Opfer.
Und heute? Weil das damalige LKH Osnabrück ‚zu teuer‘ war, wurde es vom Niedersächsischen Ministerpräsidenten und späteren Bundespräsidenten, dem Christdemokraten Christian Wulff, privatisiert. Für den Profit des Ameos-Konzerns wird nach immer neuen Billigst-Lösungen gesucht. Ärzte, Psychologen und Pfleger kommen vermehrt aus Leiharbeitsfirmen oder erhalten nur kurzfristige Zeitverträge. Das Streben nach Profit steht über dem Patientenwohl.


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Leserbrief zu Artikel »Rassenideologie tötet«, UZ vom 4. Oktober 2019





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