Die Sturzflut in China und Nepal ist ein Warnsignal

Der „dritte Pol“ schmilzt schnell

Li Yang, People’s World. Übersetzung und Bearbeitung: UZ

Wie schnell ein Gletscher eine Katas­trophe auslösen kann, zeigte sich Ende August im Himalaya, als nahe der chinesisch-nepalesischen Grenze ein Gletscher abbrach und eine Lawine aus Gestein und Eis auslöste. Was als Eislawine auf etwa 5.200 Metern Höhe begann, wurde bald zu einem rasanten Murgang und verwandelte sich schließlich in eine verheerende Schlammlawine. Als diese auf der chinesischen Seite den Grenzübergang von Gyirong im Autonomen Gebiet Tibet erreichte, raste sie mit etwa 180 Kilometern pro Stunde dahin. Der gesamte Abgang vom ersten Einsturz bis zum verheerenden Eintreffen der Schlammlawine in Gyirong dauerte nur etwa sieben Minuten – zu wenig für eine Vorwarnung – und führte zu schweren Verlusten auf beiden Seiten der Grenze.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnen schon lange davor, dass die Gletscher rund um das Qinghai-Tibet-Hochplateau und in der gesamten Himalaya-Region – auch „Dritter Pol“ genannt und die größte Eismasse außerhalb der Arktis und Antarktis – durch die Erwärmung des Planeten zunehmend instabiler werden. Gletscher reagieren äußerst empfindlich auf Temperaturänderungen. Die vom Menschen verursachte Erderwärmung ist seit den 1990er Jahren der Hauptgrund für den weitreichenden Gletscherschwund. Dieses anhaltende Schmelzen lässt die Gletscher nicht nur dramatisch schrumpfen, sondern destabilisiert sie auch. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich Eis, Gestein und Wasser gemeinsam in Bewegung setzen. Mit der Klimaerwärmung werden solche Katastrophenketten nach Gletscherstürzen häufiger, weitreichender und zerstörerischer.

Die Jahre von 2015 bis 2025 waren die elf heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen. Die weltweiten Treib­hausgasemissionen erreichten einen Rekordwert, während die Gletscher allein im Jahr 2025 schätzungsweise 408 Milliarden Tonnen an Masse verloren. Der Himalaya gehört zu den Regionen, die die größten Verluste erlitten haben.

Wenn solche Katastrophen eintreten, wird oft so über die Verantwortung diskutiert, als ließen sich die Emissionen jeweils sauber innerhalb nationaler Grenzen einzwängen. Das ist aber nicht so.

Nationale Emissionsinventare erfassen die Umweltbelastung in der Regel dort, wo die Produktion stattfindet – selbst wenn diese Produktion dem Verbrauch an einem anderen Ort dient. Das Ergebnis ist ein seltsames Abrechnungssystem, in dem wohlhabende Gesellschaften CO2-intensive Güter konsumieren, während ein Großteil der damit verbundenen Umweltbelastung hingegen in der Bilanz eines anderen Landes auftaucht. So betrugen die Kohlendioxidemissionen aufgrund von Energieverbrauch in den USA im Jahr 2025 etwa 4,9 Milliarden Tonnen; der Verbrauchs-Fußabdruck der USA ist jedoch deutlich größer, was die CO2-Verursachung von Produktion aufzeigt, die in andere Länder ausgelagert wurde.

Das ist wichtig, weil die Klimakrise im Grunde von den Gesamtemissionen verursacht wird. Allein die USA sind für etwa ein Fünftel der gesamten Kohlendioxidemissionen seit 1850 verantwortlich; auf die Europäische Union entfallen etwa 12 Prozent. Insgesamt haben die Industriestaaten 60 bis 65 Prozent aller Treibhausgase ausgestoßen, obwohl sie weniger als 15 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Die Industrieländer haben von über zwei Jahrhunderten CO2-intensiver Industrialisierung enorm profitiert. Sie können sich daher nicht glaubhaft als unschuldige Zuschauer darstellen, wenn sich die Folgen ihres Wohlstands in ärmeren und anfälligeren Teilen der Welt bemerkbar machen.

Klimafinanzierung ist keine Wohltätigkeit und kein Almosen. Das Prinzip der „gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortlichkeiten“ hält eine grundlegende Tatsache fest: Verschiedene Länder haben ein gemeinsames Inte­resse an der Stabilisierung des Klimas, aber sie haben nicht dieselbe Geschichte und nicht dieselben Kapazitäten.

Die bevorstehende COP31-Konferenz in Antalya in der Türkei ist deshalb mehr als nur ein weiteres diplomatisches Ereignis. Sie wird sich voraussichtlich mit der Klimafinanzierung, dem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und Maßnahmen zum Aufbau klimaresilienter Gesellschaften befassen. Die Frage ist, ob die reichen Länder den Entwicklungsländern die finanziellen Mittel und Technologien zur Verfügung stellen werden, die nicht nur zur Verringerung der Emissionen, sondern auch zum Überstehen der bereits eintretenden Folgen der Erderwärmung nötig sind.

Die Sturzflut an der Grenze zwischen China und Nepal sollte daher als Warnung unseres sich erwärmenden Planeten gesehen werden.

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"Der „dritte Pol“ schmilzt schnell", UZ vom 11. September 2026



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