Die neue Ausgabe der Zeitschrift „Melodie & Rhythmus“ liegt vor

Der reale Aberwitz

Das „Magazin für Gegenkultur“, hat sich ein Titelthema gewählt, das dringend der Auseinandersetzung bedarf: „Irrationalismus & Wahn“. Den Aufschlag macht Arnold Schölzel, der diesen ideologischen Katzenjammer, der die bürgerliche Gesellschaft spätestens nach 1815 befiel, in seiner Entwicklung beschreibt. Sein wichtigster Kronzeuge ist Peter Hacks, der sich energisch und immer wieder gegen die Verleugner der Vernunft, den antiwissenschaftlichen Wahn und die Ästhetik der Romantiker zur Wehr setzte. Bei Hacks heißt es, und Schölzel zitiert ihn zustimmend, es gebe im Kapitalismus Phasen, in denen „die Senkung der insgesamten Hirntätigkeit in einer Gesellschaft“ verlangt werde. Dass, gefördert durch US-Geheimdienste, seit rund 200 Jahren solche Versatzstücke wie die Esoterik, der Spiritismus und neudeutsch die „New-Age-Metaphysik“, ihre Wirkung entfalten konnten und immer noch können, zeigen aktuell die Haufen der Impfgegner und Corona-Leugner.

Enno Stahl geht dem Phänomen nach, wie die Werke geistig-seelisch kranker Schriftsteller oftmals eine „besondere Kraft und verblüffende Originalität“ entfalten und auch heutige Leser in ihren Bann ziehen können. Er bringt uns in seinem Essay einige dieser Künstler nahe, so Lenz (1751 bis 1792), der mit seinen Dramen „Der Hofmeister“ und „Die Soldaten“ als ein Wegbereiter des modernen Dramas gilt. Er nennt Nikolaus Lenau (1802 bis 1850), Antonin Artaud (1896 bis 1948) oder auch aus neuerer Zeit den Österreicher Ernst Herbeck (1920 bis 1991), dessen Poesie viele jüngere Dichter beeinflusst hat. Der Volksmund kennt die Floskel, dass „Genie und Wahnsinn“ in guter Verwandtschaft seien, mit dieser wildromantischen und leicht gruseligen Vorstellung lässt sich schnell vieles an künstlerischer Kraft abtun oder als Faszinosum wahrnehmen.

Holger Wendt geht gründlich mit dem „Gott der Reichen“ ins Gericht, also den christlichen Rechten und ihren aberwitzigen Heilslehren in den USA. Dass dieses Massenphänomen – Wendt nennt Zahlen, die erschrecken – den einzigen und schlichten Zweck hat, möglichst viel Geld in die Taschen der Prediger zu schaufeln, wird dem Leser klar vor Augen geführt. Wichtiger ist Wendt aber, die Verbindung der Evangelikalen mit der konservativen US-Ideologie als eigentliches Movens dieses gefährlichen Gebräus zu betonen.

Neben dem Titelthema finden sich viele interessante Beiträge zu neuen Filmen, Büchern und – für uns europäische Menschen – leider viel zu wenig bekannte Künstler aus Afrika und Lateinamerika. Ein Spezial zum bevorstehenden 100. Geburtstag von Erich Fried liegt dem Heft bei und bietet, so ganz nebenbei, alles an Lesevergnügen, was man sich wünscht.

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"Der reale Aberwitz", UZ vom 2. April 2021



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