Warum es helfen kann, Kommunist zu sein – ein DKP-Kandidat erzählt

Die Ausbeutung bewältigen

„Kommunist zu sein ist eine mentale Stütze“, sagt Calvin Kraus. „Wenn du herumkommandiert wirst, wenn der Chef dich anschnauzt, wenn du merkst, dass du ausgebeutet wirst – dann fällt es dir schwerer, damit klarzukommen, wenn du nicht weißt, warum das so ist.“ Im Marxismus sieht er die Grundlage und das Werkzeug, um zu verstehen, was die Gesellschaft prägt. „Wenn du dieses Wissen nicht hast, dann kommst du damit auch psychisch weniger gut klar.“ Kraus, 26 Jahre alt, Gießereimechaniker, kandidiert bei der Bundestagswahl für die DKP.

Rauer Ton

Er muss damit klarkommen, dass einzelne ältere Kollegen in seiner Abteilung 1.000 Euro mehr verdienen als er. Wie viel er verdient, hängt damit zusammen, wie sich der Weltmarkt für Autos und Autoteile entwickelt, welche Technik für Heizungen benutzt wird und wie Konzernvorstände beschließen, daraus ihren Vorteil zu ziehen.

Die Gießerei in einer mittelhessischen Kleinstadt, in der Kraus arbeitet, gehörte früher dem Konzern Buderus, der in den 50er Jahren von dem Kriegsverbrecher Friedrich Flick gekauft wurde, dessen Konzern sie wieder verkaufte. Das Unternehmen, dem sie heute gehört, konnte weniger Heizkessel verkaufen, ist aber einer der größten Zulieferer der Autoindustrie weltweit. Es beschloss also, dass Kraus‘ Kollegen künftig auch Bremsscheiben für Autos gießen sollen. Den jetzigen Standort gliederte das Unternehmen auf. Weil es sich dafür lobte, die Gießerei nicht zu schließen, forderte es von den Beschäftigten, zu verzichten. Kraus, der 2017 seine Ausbildung begann, gehört zu den Jungen – er wird nach den neuen Tabellen schlechter bezahlt als die Älteren, deren alte Verträge weiter gelten. „Früher hat man gesagt: Auf der Hütte ist die Arbeit dreckig, aber man verdient richtig Geld. Die Arbeitsbedingungen sind heute nicht viel anders, die Löhne sind schlechter“, erzählt Kraus. In der Gießerei hat der heutige Eigentümer Akkordzulagen gestrichen, das Betriebsklima blieb das alte: „Es herrscht ein rauer Ton.“

Gefährlich statt langweilig

Kraus fährt mit einem Stapler das flüssige Eisen zu den Vergießöfen, wo die Kollegen es in die Formen gießen – drei Tonnen mit einer Fahrt. „Man sagt: Du musst Respekt vor dem Flüssigeisen haben, aber keine Angst“ – diese Gefahr gehört zu dem, womit Kraus klarkommen muss. „Erst gestern hat ein Kollege sich den Arm verbrannt, so dass man die Haut abziehen konnte. Arbeitsunfälle sind normal“, sagt er. Kraus ist in der Werksfeuerwehr – „Irgendwas passiert immer.“ Das heißt aber auch: „Der Job ist aufregend, das ist anders als in höher automatisierten Betrieben. Am Band zu stehen ist monoton und langweilig.“

Beschäftigte in der Klassengesellschaft müssen damit klarkommen, dass neue Technik ihre Arbeit nicht leichter und weniger unangenehm macht, sondern einseitiger und unsicherer, weil es die Unternehmensleitung ist, die entscheidet, wie diese Technik benutzt wird. Kraus muss die Qualität des Eisens messen, das er fährt, muss die Schlacke abfließen lassen, die Öfen instandhalten. Vor ein paar Jahren schaffte das Unternehmen eine Vorrichtung an, die automatisch die Luftlöcher in die Gießformen sticht – den Kollegen also einen Arbeitsschritt abnimmt. Die Arbeit ging dadurch schneller, die schweren Kerne mussten immer noch von Hand in den Abgießkasten gelegt werden – über zwanzig Kilo, bis zu acht Kerne pro Kasten, vorher in 26 Sekunden, nun in 18, „ein richtiger Drecksjob“, die neue Technik brachte die Kollegen an physische Grenzen. Nur: Sowohl der Geschäftsführer als auch die Beschäftigten wussten, dass die Arbeiter ersetzbar sind, und die Autokonzerne fordern billige Teile.

Sich entwickeln

Beim Lohn benachteiligt, bei der Arbeit kommandiert, mit besserer Technik unter Druck gesetzt – es gibt vieles, womit Arbeiter im Kapitalismus klarkommen müssen. Sie arbeiten – was sie arbeiten entscheiden andere. Für Kraus ist es eine Stütze, zu begreifen, dass die Probleme am Arbeitsplatz ein Ausdruck davon sind, dass riesige Unternehmen ihre Gewinne erhöhen müssen, um ihre Wettbewerber zu verdrängen. „Es ist auch eine Stütze, weil du dich persönlich entwickeln kannst“, zum Beispiel in der Bildungsarbeit der Partei, beim solidarischen Lernen mit Genossinnen und Genossen, bei dem es nicht darum geht, bei einer Prüfung die richtige Antwort zu geben, sondern sich gemeinsam etwas zu erarbeiten.

Schwach, aber da

In seiner Abteilung wissen die Kollegen, dass er Kommunist ist, er diskutiert über Politik, selbst mit denen, die der Meinung sind, zu Führers Geburtstag könne man einen ausgeben. Manchmal hält er sich zurück: „Ich bin erst ein Jahr in dieser Abteilung, da kannst du den anderen nicht groß was erzählen.“ Während seiner Ausbildung war er in der JAV, inzwischen gehört er zur Vertrauenskörper-Leitung der IG Metall. Im nächsten Jahr will er für den Betriebsrat kandidieren. Er glaubt, dass er mit seinen Kollegen viel erreichen kann – dass die Gesetze zum Arbeitsschutz konsequent angewandt werden. Dass die Kollegen ihre Rechte kennen und nicht alles schlucken müssen, was der Chef ihnen sagt. Dass in den Tarifrunden die Kollegen mehr einbezogen werden. „Ich wünsche mir, ein angesehener Kollege zu sein“, sagt Kraus. Einer, von dem man weiß, dass er sich für die gemeinsamen Interessen einsetzt, der technisch kompetent ist, der ein Ansprechpartner bei Problemen am Arbeitsplatz ist. „In der DKP zu sein ist oft frustrierend, wir sind nun mal sehr schwach. Aber unterm Strich lohnt es sich.“ Denn wenn Kraus sich dort, wo er arbeitet, für Veränderungen einsetzt, weiß er: Was er tut, tun seine Genossinnen und Genossen in anderen Betrieben und Orten auch.

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"Die Ausbeutung bewältigen", UZ vom 23. Juli 2021



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