Israels Finanzminister Smotrich fordert die Annexion des südlichen Teils des Libanons bis hin zum Fluss Litani, Verteidigungsminister Katz verlangte mehrmals die Vertreibung der schiitischen Einwohner. Es geht hier offensichtlich nicht um Sicherheitsinteressen, wie Katz gelegentlich behauptet. Es geht um ethnische Vertreibung. Es geht um Groß-Israel.
In einem Angriff ohnegleichen ließ Katz seine Luftwaffe Beirut und den Süden des Libanon mit hundert Kampfflugzeugen zugleich angreifen. Sie waren freigeworden, sobald der Waffenstillstand mit dem Iran in Kraft getreten war. Wohnhäuser, Brücken, medizinische Einrichtungen wurden bombardiert. Das Ziel war, im Süden Libanons Zustände wie in Gaza zu erreichen, wie Katz zuvor verkündet hatte.
Mit einem Unterschied: In Gaza werden Christen und Muslime unterschiedslos angegriffen, Kirchen werden zerstört wie Moscheen. Für den Libanon bietet Israel den Gemeinden von Christen und Drusen einen Ausweg, um in ihrer Heimat bleiben zu können: Sie müssen Schiiten, die bei ihnen Schutz gesucht haben, vertreiben. Diejenigen, die schon ausgebombt sind, müssen vertrieben werden, damit diejenigen, die ihnen Obdach geboten haben, nicht selbst alles in israelischen Bomben verlieren. Bürgermeister sollen der israelischen Armee die Namen von Geflohenen übergeben. Sie sollen zu Denunzianten werden, um Israel die Zielsuche zu erleichtern. Es ist eine zynische, menschenverachtende Politik.
Für Israel ist diese Politik ein doppelter Gewinn. Die Basis der Hisbollah in der Bevölkerung soll zerstört und zugleich soll die prekäre Stabilität der verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Libanon gestört werden. Das Ziel heißt: Bürgerkrieg.
Die Christen und Drusen im Libanon werden sich keinen Illusionen hingeben: Den israelischen Forderungen nachzukommen wird auf Dauer keinen Schutz vor Vertreibung bieten. Es ist der Iran, der seine Verhandlungen mit den USA von einem Waffenstillstand in Libanon abhängig macht. Wenigstens Beirut wurde seitdem nicht mehr angegriffen.
Spanien und Irland verlangten schon vor zwei Jahren die Aussetzung des Assoziierungsabkommens der EU mit Israel, das im Artikel 2 die „Achtung der Menschenrechte“ verlangt. Die EU will das erst prüfen. Und die Prüfung dauert.


