Zu den Folgen des 9-Euro-Tickets

Die Stimmung kippt

„Wann hört dieser Scheiß endlich auf?“ Das ist noch ein harmloser Kommentar, den man von Bahnbeschäftigten und Bahnkunden zurzeit hört. Mit über 16 Millionen verkauften zusätzlichen Tickets – plus 10 Millionen Tickets von den Abonnentinnen und Abonnenten – sprengt das 9-Euro-Ticket alle Grenzen. Prognosen gehen derzeit davon aus, dass sich die Anzahl der Tickets noch auf gut 30 Millionen erhöhen kann. Die Folgen sind drastisch. Hunderte Bahnhöfe mussten aus Sicherheitsgründen in den vergangenen Wochen geräumt werden, zu viele Menschen befanden sich auf den Bahnsteigen. Die Zahl der geräumten Züge ist derzeit nicht zu benennen. Zugverspätungen häufen sich, da überfüllte Züge nicht fahren dürfen oder durch den Andrang zu spät losfahren. Und die Urlaubszeit hat noch nicht begonnen.

Bahnbeschäftigte kommen nicht mehr an ihren Arbeitsplatz, da auch sie Zug fahren. Die Regeln, die die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft bei der DB AG für sie durchsetzen musste, sprechen Bände: 1. In überfüllten Zügen dürfen Bahnbeschäftigte in den nächsten Monaten die 1. Klasse benutzen. 2. Bei Überfüllung dürfen sie mit ihren Job-Tickets auf den Fernverkehr umsteigen und 3. im Falle von Zugräumungen dürfen sie im Zug bleiben – bisher war es umgekehrt. Es gibt noch keine belegten Fakten, aber es kursieren Hinweise von erhöhten Krankheitsquoten. Das wäre auch kein Wunder, denn den Frust der Fahrgäste bekommen die Beschäftigten ab.

In den Koalitionsparteien wird die Resonanz auf das 9-Euro-Ticket als voller Erfolg gewertet. Die Grünen wollen jetzt untersuchen, wie viele Fahrgäste bei der Bahn bleiben werden. Berufspendler, die auf die Bahn angewiesen sind, und Beschäftigte fühlen sich zu Recht verarscht. Mehr Verkehr auf die Schiene heißt, erst mal mehr Geld für die Kapazitäten sowohl im Schienennetz, in neue Züge und in Personal investieren. Durch das Strohfeuer kippt die Stimmung gegen den Öffentlichen Verkehr. Der Bundesverkehrsminister sieht nun Bedarf für eine Strukturreform bei der Bahn. Das bestätigt die Befürchtungen, was diese Maßnahmen sollen und warum eine FDP ihnen zugestimmt hat. Die Unfähigkeit der Deutschen Bahn soll zelebriert werden, um schließlich das größte Staatsvermögen zu zerschlagen und dem Markt zum Fraß vorzuwerfen. Hoch lebe die Autolobby.

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"Die Stimmung kippt", UZ vom 24. Juni 2022



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