Eine Kommunistin erzählt aus 50 Jahren politischer Arbeit

Die Welt verändern, verdammt noch mal

„Wer die Welt verändern will, muss sie erkennen. Wer sich befreien will, braucht Genossinnen und Genossen. Wer Kraft entfalten will, muss sich organisieren. Wer ein freies, menschliches Leben erringen, die Zukunft gewinnen will, muss kämpfen.“ So heißt es im Programm der Deutschen Kommunistischen Partei. Diese Kämpfe hat Irmgard Bobrzik 50 Jahre lang gemeinsam mit ihrer Partei geführt.

UZ: Was zeichnet für dich eine Kommunistin aus?

Irmgard Bobrzik: Zunächst einmal ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Wenn ich Ungerechtigkeiten sehe, muss ich feststellen, woher die kommen – damit kriege ich schon kommunistische Ambitionen: Wie muss ein Mensch handeln, der für Gerechtigkeit sorgen will? Du musst etwas tun, um alles zu verändern. Du darfst nicht alles hinnehmen. Ich könnte stundenlang referieren über die soziale Ungerechtigkeit in unserem Land – nicht nur in unserem Land. Wenn du Kommunist bist, musst du auch über den Tellerrand schauen. Es gibt ja viele Vorbilder, die das vorgemacht haben.

UZ: Welche Vorbilder sind dir besonders wichtig?

Irmgard Bobrzik: Um zu erkennen, wo du politisch stehst, brauchst du Vorbilder. Solche Vorbilder sind Marx und Engels, Clara Zetkin, Rosa Luxemburg – ganz logisch. Sie haben in ihrer Zeit vorgemacht, wie man sich gegen Ungerechtigkeiten auflehnen muss, gegen Kriegstreiberei, gegen Rechtsruck, gegen Antikommunismus.
Da war Clemens Kraienhorst, mein Vater war mit ihm im KZ Esterwegen. Später war er Ratsherr in Bottrop und Betriebsratsvorsitzender der Zeche Rheinbaben. Als ich in den Rat der Stadt gewählt wurde, war der Antikommunismus so enorm, dass das fast ein Spießrutenlaufen war. Ich war gemeinsam mit Clemens Kraienhorst im Rat, er war mein großes Vorbild. Ich war einfach Irmgard Bobrzik und Montiererin. Ich bin seit 50 Jahren in der Partei, der DKP, und habe ganz viele Menschen kennengelernt, die für mich Vorbilder waren.

UZ: Was hat Clemens Kraienhorst für dich zum Vorbild gemacht?

Irmgard Bobrzik: Seine ganze Persönlichkeit, sein ganzes Leben. Das war ein ganz einfacher Mensch. Er war im KZ gewesen. Und dann Betriebsratsvorsitzender von 27.000 Bergleuten. Das Unternehmen wollte ihn entlassen und er ist aus der Gewerkschaft ausgeschlossen worden, weil er die Dinge kritisiert hat. Der war noch mit über 80 im Rat. Die meisten alten Menschen in Bottrop lieben ihn heute noch.

Das war ein Mensch, der das Kommunistsein vorgelebt hat. Er hat sich immer für die sozialen Belange eingesetzt. Wie der mit dem Oberbürgermeister umgesprungen ist! Irgendwann soll sogar mal ein Mitglied der KPD-Fraktion im Rat der Stadt einen Aschenbecher nach dem Oberbürgermeister geschmissen haben. So trete ich nicht auf – auch wenn ich manchmal auch mit einem Gegenstand schmeißen möchte.

UZ: Was sind Dinge, die dich so weit bringen, dass du mit Gegenständen schmeißen willst?

Irmgard Bobrzik: Würde ich nie, ich bin kein Mensch, der gewalttätig ist. Ich setze mich lieber mit Worten auseinander, mit Argumenten. Ich bin keine große Theoretikerin, ich bin Praktikerin. Ich bin seit 40 Jahren Versichertenälteste bei der Rentenversicherung. Am Anfang waren das außer mir nur Männer. Ich habe gelernt, mich mit Worten auseinanderzusetzen.

Ich habe eine große Geduld – das habe ich in meiner Tätigkeit als Altenpflegerin gelernt. Ich musste immer die Existenz meiner Familie sichern, als ich 1989 meinen Arbeitsplatz beim Parteivorstand der DKP verloren hatte, war ich arbeitslos, bis ich als Altenpflegerin anfangen konnte. Das war eine schwere Arbeit, psychisch und physisch, aber ich habe viel dabei gelernt. Und ich bin als Mitarbeitervertreterin immer mit hoher Stimmenzahl gewählt worden.

UZ: Du sagst, dass in deinem Leben die „stabilen Dinge“ vorherrschen. Was heißt das?

Irmgard Bobrzik: Ich bin immer eine ganz verlässliche Frau. Wenn ich mich für etwas entschieden habe und wenn das vertretbar ist, dann bleibe ich dabei. Ich bin durch ganz viele Tiefen gegangen – nicht nur 1989, der Wegfall unseres sozialistischen Staates DDR, wir haben da eine ganz schlimme Zeit in unserer Partei durchgemacht. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, die Partei zu verlassen. Ich wollte bei meinen Überzeugungen bleiben – mit aller Energie, die ich täglich für unsere Partei aufgebracht habe, mit allen Pflichten, die das bedeutet, in der Partei, in der Gewerkschaft. So kannst du durch mein Leben einen geraden Strich ziehen – verlässlich und teilweise penetrant.

UZ: Die DKP ist heute kleiner und schwächer als 1970, als du eingetreten bist. Haben sich die Jahrzehnte der Anstrengung nicht gelohnt?

Irmgard Bobrzik: Man muss sagen: Diese Anstrengungen der Mitgliederwerbung, die haben nicht gewirkt. Die Anstrengungen im kommunalen Bereich haben sich natürlich gelohnt – man sieht Erfolge, sonst wären wir nicht wiedergewählt worden. Aber der Rechtsruck nimmt zu – inzwischen sind AfD-Leute in unserem Rat, du siehst diese braune Brut, da werde ich fast wahnsinnig.

Dass die Partei klein ist, spüren wir in Bottrop auch. Das ist schon nicht mehr normal, dass ich alte Frau mit 80 Jahren noch in den Rat muss. Ich bin auch müde, manchmal. Ich bin 1976 in den Rat gekommen – wenn du keinen Tag hast, der dich nicht politisch in Anspruch nimmt, fragst du dich: Wann kannst du deinen Stab weitergeben?

Manchmal bin ich schon verzweifelt: Die Menschen müssen doch erkennen, wie es in unserem Land aussieht! Ich werde doch täglich mit politischen und sozialen Schweinereien konfrontiert, da muss ich doch was tun! Uns sagen sie: Ihr seid zu klein, um was zu ändern. Wir hören oft: Ihr macht tolle Arbeit, aber wie wollt ihr was verändern? Ich habe genug Argumente. Diese Welt muss anders sein und da müssen wir vor unserer Haustür anfangen.

UZ: Du hast als Montiererin bei dem Küchengeräte-Hersteller Krups gearbeitet. Als das Unternehmen sein Werk in Bottrop 1983 geschlossen hat, warst du am Kampf gegen die Schließung beteiligt.

Irmgard Bobrzik: Mit der Gewerkschaft, mit der Partei. Wenn ich „ich“ sage, steht immer die Partei dahinter. Als Einzelne kann ich gar nichts. Da war die ganze Stadt auf unserer Seite. Aber verhindern konnten wir das nicht, so ist das in einem kapitalistischen Land. Der Konzern hat unsere Maschinen nach Hongkong transportieren lassen, weil da alles billiger war.

UZ: Heute produziert Krups gar nicht mehr in Deutschland, der Bergbau im Ruhrgebiet ist eingestellt. Heißt das nicht, dass es die Arbeiterklasse gar nicht mehr gibt?

Irmgard Bobrzik: Sicher haben wir keine Bergleute mehr, die großen Industrien gibt es nicht mehr. Aber wir sind mit unserer Politik und Programmatik ja nicht stehengeblieben. Wir entwickeln uns ja auch, wir müssen uns verändern. Die Menschen arbeiten zwar nicht mehr in denselben Produktionsstätten, aber sie arbeiten, sind arbeitende Menschen, sind die Arbeiterklasse. Würde ich heute geboren, dann sähe die Welt wieder ganz anders aus, wenn ich 80 bin – man mag gar nicht daran denken. Meine Urenkel tun mir manchmal leid.

UZ: Was befürchtest du?

Irmgard Bobrzik: Manchmal traue ich mich nicht, mir das auszumalen. Ich habe große Sorgen, dass wir die Rechtsentwicklung nicht aufhalten können. Dass die AfD an Macht gewinnt. Wenn die Menschen in Armut leben, wenn sie keinen Ausweg sehen – ob sie dann so klug sein werden und einen anderen Ausweg wählen?
Die politisch Verantwortlichen tun nichts dagegen. Sie debattieren, aber sie tun nichts. Sie bedauern den Aufstieg der AfD, aber sie sorgen nicht dafür, dass es den Menschen besser geht – man kann die Menschen nur dann von dem braunen Sud wegbringen, wenn es Verbesserungen im Lebensalltag der Menschen gibt. Ich werde wahnsinnig, wenn ich sehe, wie Hartz-IV-Empfänger leben müssen. Wie Rentner leben müssen. Wir kriegen immer mehr Millionäre, und die Menschen in unserem Land werden immer ärmer, Alleinerziehende wissen nicht wohin, die Selbstmordrate wächst. Ich habe selbst am Existenzminimum gelebt, ich weiß, wie schlimm es ist, wenn ich nicht weiß, wie ich meine Miete bezahlen kann oder ob ich meinem Kind etwas zum Geburtstag kaufen kann. Jetzt bekommen die Hartz-IV-Empfänger vom Jobcenter nicht genug Geld für Atemschutzmasken. Dieses Elend in unserem Land muss beseitigt werden.

UZ: Wenn heute über die Gleichberechtigung von Frauen diskutiert wird, geht es oft um geschlechtergerechte Schreibweisen. Ist der Kampf für Frauenrechte eine Frage der Sprache?

Irmgard Bobrzik: Das gehört dazu, aber es ist nicht das Wesentliche. Wir haben viel größere Probleme in der Gleichstellung. Einmal war ich vielleicht sogar ein Vorbild in dieser Hinsicht: Als ich in den Rat gewählt wurde, war die Post von der Stadt immer an „Ratsherr Frau Irmgard Bobrzik“ adressiert. Eine „Ratsfrau“ gab es nicht, und „Ratsherrin“ hätte ich mir nicht gefallen lassen. Da habe ich mit meiner Partei eine Änderung der Satzung durchgesetzt, so dass die Bezeichnung „Ratsfrau“ eingeführt wurde. Da habe ich gesagt: So geht das nicht. Oder wenn eine Frau mit „Fräulein“ angeredet worden ist. Sprache ist wichtig, aber es gibt andere, viel größere Baustellen.

UZ: Welche Baustellen?

Irmgard Bobrzik: Zum Beispiel gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Ich habe in Frauenbetrieben gearbeitet – aber der Vorgesetzte war meist ein Mann, bestimmt hat ein Mann. Als Betriebsrätin in einem Frauenbetrieb, das formt dich natürlich auch frauenpolitisch. Wobei ich mich immer für Männer und Frauen einsetzen musste – das sind ja alles Arbeiter gewesen, die Männer genauso unterdrückt wie die Frauen.

In jedem Bereich trifft man auf Frauenpolitik. Selbst wenn eine Unterführung nicht beleuchtet ist, oder wenn ein Bürgersteig nicht breit genug ist, dann kann eine Frau mit ihrem Kinderwagen oder ein Behinderter mit seinem Rollstuhl nicht durch. Das sind Sachen, da habe ich täglich mit zu tun, da werde ich angerufen. Clemens Kraienhorst hat immer gesagt: Die kleinen Dinge wachsen zu großen, du musst die kleinen Dinge in Ordnung bringen.

UZ: Eine Bundeskanzlerin hätte man sich vor 50 Jahren kaum vorstellen können. Heißt das nicht, dass sich die Gleichberechtigung im Kapitalismus nach und nach durchsetzt?

Irmgard Bobrzik: Dazu hat der Kapitalismus nichts beigetragen. Die Frauenbewegung war ja sehr stark. Die hat zum Beispiel erreicht, dass es Gleichstellungsbeauftragte in den Kommunen gibt, so hat man sich daran gewöhnt, dass auch Frauen Ämter übernehmen. Aber die Zwänge des Kapitalismus machen es Frauen schwerer, Ämter zu übernehmen – was macht eine Frau, wenn sie Kinder hat, aber keinen Kindergartenplatz?

Als ich in den Rat gekommen bin, hatte ich drei kleine Kinder, ich weiß gar nicht, wie ich das gemacht habe – wenn irgendwo etwas zu tun war, war ich trotzdem da. Die DKP war gerade neu konstituiert und überhaupt nicht beliebt. Meine Kinder mussten sich dann anhören: Die Kinder können ja nichts dafür, dass diese Frau so ist. Oder wenn ich auf der Zeche stand und Zeitungen verkauft habe, dann musste mein Mann sich drinnen etwas anhören – warum ich denn nicht zu Hause bin und koche.

UZ: Wäre es ohne die politische Arbeit nicht einfacher gewesen?

Irmgard Bobrzik: Ich möchte keinen Tag meiner Parteiarbeit missen. Natürlich wäre es für mich und meine Familie einfacher gewesen. Ich hatte nicht viel Zeit für meine Familie. Ohne die politische Arbeit kannst du natürlich ruhiger schlafen. Wenn ich ein Problem hatte, war das schrecklich für mich. Zum Beispiel, dass wir unbedingt eine Frauenberatungsstelle brauchten. Und unbedingt ein Frauenhaus.

UZ: Bereust du die viele Zeit, die du mit politischer Arbeit verbracht hast?

Irmgard Bobrzik: Nein, ich habe ja viele Dinge erfahren, die man sonst nicht erfährt. Ich war viel auf Reisen. Wer kann schon sagen, dass er Walentina Tereschkowa getroffen hat, die sowjetische Kosmonautin, die als erste Frau ins All geflogen ist? Die hat mir einen Schal geschenkt. Und ich denke mir: Du hast aber auch viel erreicht. Meine Kinder haben mir nie etwas vorgehalten. Meine Familie steht an erster Stelle, und ich hatte immer große Unterstützung von meinem Mann und meinen Kindern. Mein Enkel hat sich auch in den Betriebsrat wählen lassen und sich mit mir darüber beraten.

Man braucht nichts zurückzudrehen. Man hätte vieles vielleicht noch besser machen können. Aber wer kann das nicht von sich sagen. Auch jetzt, während der Pandemie: Keine persönlichen Kontakte, aber Anrufe bekomme ich trotzdem. Ich habe eine Strichliste gemacht: Im Februar habe ich 75 Anrufe nur zu Rentenfragen bekommen und 36 Anrufe musste ich machen. Oder Freunde rufen an, die im Altenheim arbeiten, und fragen: Wie schreibe ich eine Überlastungsanzeige? Wir haben ja alle den Anspruch, nicht 100 Prozent, sondern 150 Prozent zu geben.

Demnächst kriege ich meine zweite Corona-Impfung – ich bin ganz glücklich darüber, ich brauche Kontakte. Aber wenn ich höre, wie die Leute sich beschweren, dass sie nicht in den Urlaub fahren können, wird mir übel – als gäbe es nichts Schlimmeres. Aber wie mit der Pandemie umgegangen wird, da haue ich im Rat natürlich auf den Putz. Da machen einige ganz viel Geld mit dem Elend.

Was muss man da tun? Nicht jammern, die Welt verändern, verdammt noch mal! Manchmal bedaure ich, dass ich so alt bin, ich möchte noch so viel machen. Und manchmal denke ich: Gut, dass meine Zeit bald um ist. Wenn ich mal nicht mit auf eine Demo kommen kann, weil eine andere Sache gerade wichtiger ist, dann erzählt mir meine Tochter hinterher: Es ist schon peinlich, alle fragen, wo du warst. Ich antworte dann: Wo soll ich sein? Du kannst sagen: Im Einsatz. Es brennt ja an so vielen Orten, und es gibt überall was zu tun.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Die Welt verändern, verdammt noch mal", UZ vom 5. März 2021



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Herz aus.

    Vorherige

    Erschütternde politische Orkane

    Kultursplitter

    Nächste