Bundesregierung will für E-Autos tief in die Tasche - auch des weniger gut betuchten Bürgers - greifen

E-Autos – wenig nachgefragt

Von Bernd Müller

Aller Voraussicht nach wird die Bundesregierung ihr Ziel verfehlen, bis 2020 mehr als eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen fahren zu lassen. Führende SPD-Politiker machen sich nun für ein staatliches Anreizprogramm stark, das vor allem den wohlhabenden Schichten und Unternehmen zugute kommt.

Vergangene Woche stellte Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ein Neun-Punkte-Programm „für bessere Luft in Städten und Ballungsräumen“ vor, in dem sie massive staatliche Unterstützung für den Kauf von Autos mit Elektroantrieb fordert. Neben Steuervergünstigungen solle es „eine Kombination aus einer verpflichtenden Quote für E-Fahrzeuge, verbunden mit einem staatlichen Kaufzuschuss“ geben.

Dem pflichtete auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel bei. Er sei ganz sicher, meinte er, dass das Ziel von einer Million Elektroautos bis 2020 nicht erreicht werde, „wenn wir nicht einige Dinge auf den Weg bringen“. Unter anderem müsse man über Anreize sprechen, „in welcher Form auch immer“, um den Preisunterschied zwischen konventionellen Fahrzeugen und Elektroautos zu vermindern.

Mit Steuervergünstigungen sollen vor allem Firmen angesprochen werden. Sie sollen für Unternehmen die Möglichkeit schaffen, die Anschaffungskosten für ein E-Auto beim Finanzamt großzügig abschreiben zu können. Für eine Kaufprämie setzt sich bereits die Mehrheit im Bundesrat ein. Im Gespräch sind dabei Summen von bis zu 5 000 Euro pro Pkw, die der Staat dem Käufer zahlen soll. Wie dies umgesetzt werden kann, ohne als Subvention zu gelten, wird noch diskutiert. Zudem sollen Autobauer mit einer Quote verpflichtet werden, dass ein bestimmter Anteil an den verkauften Fahrzeugen mit einem Elektroantrieb ausgestattet sei muss. 2012 hatten Experten schon einen Anteil von drei Prozent gefordert, und so sollen die Autokonzerne angeregt werden, ihre Fahrzeuge preisgünstiger abzugeben.

Bisher gab es in der Politik starke Bedenken gegenüber einer Kaufprämie – sie wäre eine Subvention für eine Branche, die ohnehin schon enorme Gewinne einfährt. Doch nach der Abgas-Affäre bei VW stehen die Chancen gut, dass die Elektromobilität auch mit einem Zuschuss gefördert werden könnte. Umweltverbände und Wissenschaftler hatten sich immer wieder dafür stark gemacht, dass die Prämie „aufkommensneutral“ und damit keine Subvention sein soll.

Es gibt dabei mehrere Modelle, wie dies umgesetzt werden kann. Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research (CAR) der Uni Duisburg-Essen hat ein Programm vorgeschlagen mit einem Gesamtvolumen von 1,85 Milliarden Euro jährlich. Würde es umgesetzt, müssten vor allem jene zahlen, die sich den Kauf eines Elektroautos nicht leisten können. Denn Dudenhöffer will die Kaufprämie von 4 000 Euro pro Pkw über eine Sondersteuer von einem Cent auf jeden verkauften Liter Benzin oder Diesel finanzieren lassen.

Doch Maßnahmen scheinen tatsächlich notwendig zu werden: Die Bundesregierung hatte das Ziel ausgegeben, dass 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs sein sollen. Nach Berechnungen von CAR wurden im ersten Halbjahr 2015 aber nur 5 200 reine E-Autos zugelassen. Damit haben sich noch nicht einmal einen Marktanteil von 0,5 Prozent erreicht – das, obwohl schon zwischen 20 Modellen ausgewählt werden kann. Ebenfalls schlecht sieht es für die sogenannten Hybrid-Fahrzeuge aus, bei denen Elektroantrieb und Verbrennungsmotor kombiniert sind. Deren Marktanteil liegt ebenfalls nur bei etwa einem Prozent.

Damit bleibt der Absatz von Fahrzeugen mit einem Alternativ-Antrieb hinter den Erwartungen der Experten und Automobilmanager zurück. Eine geringe Reichweite und hohe Kosten lassen Interessenten immer wieder vor einem Kauf zurückschrecken.

Wieso das so ist, rechnet unter anderem die Frankfurter Rundschau vom 15. Oktober vor. Demnach kostet die Elektrovariante eines VW-Modells rund 12 000 Euro mehr als die herkömmliche. Obwohl das E-Fahrzeug in der Unterhaltung deutlich günstiger ist, rechnet sie sich erst nach rund 500000 Kilometer. Die Lebensdauer der Batterie – der teuersten Einzelkomponente – ist aber deutlich niedriger. Selbst wenn der Staat nun 5 000 Euro dazu geben würde, müsste die Batterie noch 300 000 Kilometer durchhalten, damit sich die Anschaffung rechnet.

Die E-Variante von VW wird überteuert angeboten, ist sich Eckhard Helmers, Umweltwissenschaftler aus Trier, laut Frankfurter Rundschau sicher. Aus technischer Sicht sollte sie nicht teurer sein als ein herkömmlicher Antrieb, da ein Elektroantrieb auf der einen Seite einfacher aufgebaut ist und auf der anderen Seite manche Komponenten wegfallen, die für einen Verbrennungsmotor benötigt werden. Helmers vermutet, dass der VW-Konzern lediglich seine technologischen Fähigkeiten demonstrieren will, aber gar nicht an einem massenhaften Absatz interessiert ist.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"E-Autos – wenig nachgefragt", UZ vom 23. Oktober 2015



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Tasse.



    UZ Probe-Abo [6 Wochen Gratis]
    Unsere Zeit