Die IAA zeigte neue Trends eines überholten Mobilitätskonzeptes

Mit 500 PS elektromobil im Stau

Am Sonntag ging die Internationale Automobilausstellung (IAA) zu Ende. Am Tag zuvor hatten mehrere zehntausend Menschen in München gegen die IAA protestiert, mindestens 20.000 Teilnehmer hätten sich an den Fahrraddemos aus dem Münchner Umland beteiligt, berichtete die Tageszeitung „junge Welt“ (jW). Am Rande des Protests habe die Polizei Pfefferspray und Schlagstöcke gegen Aktivisten eingesetzt, unter zahlreichen Verletzten seien auch Journalisten und Demo-Sanitäter gewesen, so die „jW“.

Das Medienecho war dagegen überaus positiv: Alles sei anders als bisher, lauteten die Schlagzeilen – und das nicht nur wegen der Elektromobilität. Selbst Lastenräder seien zu sehen gewesen und die „Verbrenner“ seien nur noch „in den hinteren Reihen“ zu finden. Die Autokonzerne gingen mit ihren Produkten sogar unmittelbar zu den Menschen, so zum Beispiel auf dem Odeonsplatz in der Altstadt Münchens. Außerdem heiße die Messe jetzt „IAA mobility“.

Das alles ist pures Marketing. Am Prinzip der individuellen Mobilität – mit mindestens einem profitträchtigen Einzelauto für jede Familie – hat sich nichts geändert. Statt von zwei noch dickerer Auspuffrohre am Heck schwärmen Marketingabteilungen und Fachpresse nun von Bildschirmen, die die gesamte Breite des Cockpits einnehmen.

Dass das Auto künftig elektrisch angetrieben wird und damit angeblich „grün“, war und ist offensichtlich kein Problem für die Automobilhersteller. „Ich sehe keine Zukunft für den Verbrennungsmotor“, erklärt Audi-Chefentwickler Duesmann zu Beginn der Messe lächelnd und betont locker vor einem seiner neuen E-Autos.

Auch bei Bosch, dem weltgrößten Zulieferer in der Automobilindustrie, sieht man das so: „Wir werden das schaffen“, sagt Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung von Bosch, in einem Gespräch mit der „FAZ“ am Messestand auf der IAA. Schon 2025 werde man fünf Milliarden Umsatz mit E-Techniken fürs Auto machen. Die Bewältigung des Umstiegs haben die Ingenieure und Ingenieurinnen von Bosch und Audi offensichtlich mal wieder bravourös gelöst.
Dass bei dieser Transformation tausende Arbeitsplätze bei den Autobauern und in der Zulieferindustrie wegfallen, kann aber selbst bei der IAA-Show nicht ganz ausgeblendet werden. „Es sei unumgänglich, einen Teil der bisherigen Belegschaft umzuschulen oder Älteren eine Vorruhestandsregelung anzubieten“, erklärt der Bosch-Chef im erwähnten „FAZ“-Gespräch. Man achte hier auf die Wortwahl: „einen Teil der Belegschaft“. Und Stefan Wolf, Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, geht davon aus, dass es in der Branche zusätzlich zu den Jobverlusten bei denen, die die Transformation erfolgreich meistern, ein Fabriksterben derer geben werde, die den Abschied vom Verbrenner nicht schafften. „Wer bislang nichts unternommen hat, kann auf den Zug kaum noch aufspringen“, wird er von der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zitiert.

Die großen Autokonzerne haben dieses Jahr ihre Autos vom Messegelände geholt und mitten in die Stadt gekarrt. Der Käufer „will“, so die Marketingleute, doch mal selbst einsteigen und ausprobieren können, wie sich so ein Auto fährt oder wie sich all die neuen Infotainment-Funktionen bedienen lassen. Ganz breit ausgeprägt in der Werbung ist die Mobilität für Senioren, insbesondere im ländlichen Raum. Das ist in der Tat eine Herausforderung – gute Angebote für diesen Teil der Bevölkerung sind gefragt.

Um ihren Bedarf ging es aber nur am Rande, im Zentrum stünden neu geweckte Bedürfnisse, wie die „FAZ“ schwärmte. All die tollen Fähigkeiten eines Oberklassefahrzeugs könne sich die normale Familie ja nicht leisten. In Zukunft aber schon, wenn sie sich diese per App im Rahmen des Urlaubsbudgets kostenpflichtig für einen gewissen Zeitraum zuschaltet. Dann könne man die Sitzheizungen in einer kühlen Alpennacht einschalten oder das Filmangebot von Netflix für die Kinder auf den Rücksitzen nutzen. Durch eine Kapazitätsverlängerung der Batterie lässt sich selbst das Fehlen einer Ladesteckdose im abgelegenen Ferienhäuschen überbrücken.

Dass diese „Services on demand“ genannten Leistungsangebote extrem profitabel sind, ist aus anderen Branchen längst bekannt. Solche Autos erfordern allerdings neue Methoden und Infrastrukturen in der Produktion. Dazu braucht es die „Intelligente Fabrik“. Die Investitionen in diese Fabriken versprechen enorme Produktivitätszuwächse. Nach einer Studie des international agierenden Beratungsunternehmens „Cap Gemini“ könne so eine jährliche Produktivitätssteigerung von 2,8 bis 4,4 Prozent erreicht werden. Dafür lohnen sich Investitionen. Für die nächsten fünf Jahre hat sich die Automobilindustrie ambitionierte Ziele gesetzt und plant, 44 Prozent ihrer Fabriken in intelligente Anlagen umzuwandeln. Ganz vorne dabei ist Daimler mit seiner „Factory 56“ in Sindelfingen. Dort ist eine weitgehend vollautomatische, aber hochflexible Fahrzeugproduktion bereits Realität.

Fazit dieser Autoshow: Solange die kapitalistische Autoproduktion bestehen bleibt, ändert sich an der Orientierung auf die Mobilität per individuellem Gefährt nichts. Die Werbung für die profitträchtigen E-Autos läuft auf vollen Touren. Die von BMW vorgestellten neuen E-SUVs mit etwas über 500 PS versprechen eine Reichweite von 600 Kilometern und satte Profite.

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"Mit 500 PS elektromobil im Stau", UZ vom 17. September 2021



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