Willi Hoffmeister mit Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

Ehrung eines Friedenskämpfers

Am vergangenen Freitag hat Willi Hoffmeister, „Urgestein“ der Friedensbewegung, Ostermarschierer der ersten Stunde, Gewerkschafter, Antifaschist und Kommunist, das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekommen. Übergeben wurde die Auszeichnung von Dortmunds Erstem Bürgermeister Norbert Schilff (SPD), im Krankenhaus, wo Willi Hoffmeister zur Zeit behandelt werden muss. Jutta Reiter, Vorsitzende des DGB Dortmund Hellweg, überbrachte die Gratulation der Gewerkschaft.

Mit Willi Hoffmeister, dessen Name untrennbar mit der Friedensbewegung verbunden ist, ist ein überzeugter Gewerkschafter und Internationalist für seine politische Arbeit geehrt worden. Sein Leben ist geprägt durch den Zweiten Weltkrieg und die Nazibarbarei. 1933 in Oberbauerschaft im Landkreis Lübbecke in Nordrhein-Westfalen geboren, verbrachte Hoffmeister die ersten zwölf Jahre seines Lebens im Faschismus. Sein Lehrer war ein „absoluter Nazi“, wie sich Hoffmeister im vergangenen Jahr in einem Interview mit der Tageszeitung „junge Welt“ erinnerte. Neben Schlägen sei seine „Qualität“ das Auswendiglernenlassen von Sprüchen „seines Führers“ gewesen.

Willi, der Antifaschist

Den „ersten richtigen Schock durch den Wahnsinn des Krieges“ habe er als Schüler bei einer Fahrt durch das bombardierte Bielefeld bekommen. „Die Mär vom bolschewistischen Untermenschen wurde für mich unglaubwürdig mit dem Kennenlernen eines sowjetischen Kriegsgefangenen, der auf einem Bauernhof in der Nachbarschaft arbeiten musste und uns Kindern aus Weidenstöcken Flöten bastelte“, berichtete Hoffmeister.

Es waren seine Eltern, die dafür Sorge trugen, dass die Nazipropaganda bei ihm keine Chance hatte. „Das Vertrauen meiner Eltern in meine Verschwiegenheit und die meines zwei Jahre jüngeren Bruders war so groß, dass wir oftmals des Nachts am ‚Volksempfänger‘ die Nachrichten von Radio London mithören durften. Besonders meine Mutter war für ihre Einstellung in der Nachbarschaft bekannt. Sie litt sehr darunter, dass ihr Bruder Franz seit 1934 als Kommunist im KZ eingekerkert war. Sie wunderte sich später darüber, dass die Nazis sie nicht geholt hatten“, so Hoffmeister. Als sein Onkel Franz ihm nach elf Jahren im KZ ans Herz gelegt habe, alles zu tun, dass es nie wieder zu derlei faschistischen Verbrechen käme, wurde „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ zu seinem Leitmotiv.

Willi, der Friedenskämpfer

Der Friedenskämpfer Willi Hoffmeister bei einem Ostermarsch. (Foto: UZ-Archiv)

Es ist nahezu unmöglich, die politischen Aktivitäten Hoffmeisters vollumfänglich darzustellen. Eine seiner ersten war in den 1950er Jahren die Teilnahme am „Deutschlandtreffen der Jugend“, als gesamtdeutsches Treffen organisiert von der Freien Deutschen Jugend (FDJ) der DDR. „Allen westdeutschen Jugendlichen sollte eine Teilnahme verwehrt werden. Um nach Berlin zu kommen, war von Westdeutschland aus die Einreise nur bei Nacht und Nebel über die grüne Grenze möglich. 30.000 haben es auf allen möglichen und unmöglichen Wegen letztendlich geschafft, nach Berlin zu gelangen. Mit insgesamt rund 700.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern erlebten auch wir vom 27. bis 30. Mai 1950 ereignisreiche Tage unter Gleichgesinnten“, berichtete Willi Hoffmeister.

Vom antikommunistischen Verfolgungsfuror der damaligen Zeit ließ er sich nicht beirren. „Wer Angst zeigt, hat schon verloren“, habe sein Vater ihm mit auf den Weg gegeben. „Das Verbot unserer Jugendorganisation, der FDJ, 1951 durch die Adenauer-Regierung weckte nicht nur in unserer Gruppe den Vorsatz: Jetzt erst recht!“ Trotzdem sei das politische Auftreten „unserer Jugendorganisation“ mit dem Verbot erschwert worden. Da er nicht unorganisiert bleiben wollte, war ab 1954 die Kommunistische Partei Deutschlands, KPD, seine politische Heimat.

Willi, der ­Höschianer

Ab 1952 lebte Willi in Dortmund, der Stadt, der er bis heute treu blieb, und arbeitete als Stahlarbeiter bei den Hoesch-Werken. Nach einigen Gelegenheitsarbeiten – an Schreinern war damals kein Bedarf – und nach zwei Jahren harter Arbeit am Dortmunder Stadthafen bekam er 1954 einen Job in den Hoesch-Hüttenwerken auf der Westfalenhütte als Stahlarbeiter, erinnert er sich. Diesen Arbeitsplatz im Stahlwerk habe er erst 1978 nach seiner Wahl in den Betriebsrat eingetauscht, wo er dann freigestellt für die Vertretung des gesamten Sozialbereiches zuständig war.

Viele Kollegen auf der Westfalenhütte, erinnert sich Willi Hoffmeister, „hatten die Nazijahre erlebt, Faschismus und Krieg überstanden und – im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen – diese Zeit nicht einfach abgeschüttelt“. Das „Nie wieder!“ sei dort „hautnah und lebendig“ gewesen. „Allerdings mussten sie jetzt Adenauers Remilitarisierungspläne, die Rückkehr der alten Kanonenkönige sowie alter Nazis in Verwaltung und Regierung erleben. Dies hätten die Hoesch-Belegschaften mehrheitlich nie akzeptiert.“ Mit einer Kampagne für ein soziales Betriebsgeschehen wurde ein Zeichen gesetzt. „Der sogenannte demokratische Sektor endete danach hier nie am Werkstor. Solche Erfolge zu erzielen war vor allem der Kampfbereitschaft der zu 100 Prozent in der IG Metall organisierten Belegschaft zu verdanken“, erinnert er sich.

Der Betriebsrat Willi Hoffmeister protestierte 1978 mit Kolleginnen und Kollegen gegen Aussperrung. (Foto: UZ-Archiv)

Es war vor allem Adenauers Drang, Atomwaffen zu besitzen, der Hoffmeister im wahrsten Sinne des Wortes „in Bewegung“ hielt. „Die 1960 gestartete Ostermarschbewegung war eine großartige Möglichkeit für ein einheitliches Auftreten der Friedensbewegung an einem Wochenende. 1961 fand der erste Ostermarsch Ruhr von Duisburg nach Dortmund statt, quer durch das Ruhrgebiet. Ich bin ihm bis heute treu geblieben. Die ersten zehn Jahre als Mitdemonstrant. Ab 1971 als Mitvorbereiter und in den letzten Jahrzehnten als einer der Organisatoren des heutigen Ostermarschs Rhein-Ruhr“, so Hoffmeister, dem das Thema Frieden – vor allem mit Russland – noch immer die Herzensangelegenheit ist.

Willi, der Freund und Genosse

Viele gratulierten Willi Hoffmeister in den vergangenen Tagen zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes – verbunden mit Wünschen für bessere Gesundheit. „Selten hat jemand einen Orden so verdient, wie der Friedenskämpfer, Gewerkschafter und Kommunist Willi Hofmeister. Ohne ihn sind die Ostermärsche im Rhein-Ruhrgebiet undenkbar. Er steht aber auch wie kein anderer für die Zusammenführung von Arbeiter- und Friedensbewegung, die den Friedenskampf in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts so mächtig gemacht hat, dass die Regierenden und die Herrschenden sie fürchten mussten. Es steht zu hoffen, dass sich diejenigen, die Willi jetzt mit dem Bundesverdienstkreuz ehrten, daran erinnern mussten“, erklärte der DKP-Vorsitzende Patrik Köbele.

Lühr Henken, Sprecher des „Bundesausschuss Friedensratschlag“, schrieb: „Mit Willi Hoffmeister wurde ein engagierter Friedenskämpfer und Antifaschist mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Willi ist ein Ostermarschierer der ersten Stunde. Er hat sein ganzes Leben lang für Frieden, Abrüstung und für soziale Gerechtigkeit sowie gegen alte und neue Nazis gekämpft und ist trotz vieler politischer Rückschritte nie verbittert oder zynisch geworden. Wir als Bundesausschuss Friedensratschlag sind stolz, Willi Hoffmeister in unseren Reihen zu haben und wünschen ihm eine schnelle Genesung.“

Auch Silvia Rölle, Landessprecherin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), in der Will Hoffmeister sich ebenfalls engagiert, reihte sich in den Kreis der Gratulanten ein. „Willi hat Vorbildcharakter. Sein lebenslanges und beharrliches Engagement für Frieden, Antifaschismus und soziale Gerechtigkeit sind zutiefst beeindruckend“, sagte sie auf UZ-Anfrage. Zugleich lobte sie Willis verständnisvolle, uneitle Art. „Willi will zusammenführen, nicht spalten und hat immer ein offenes Ohr für die Anliegen seiner Mitstreiterinnen, Mitstreiter und Bündnispartner.“

Glückwünsche kamen auch von weiteren seiner Weggefährten wie Willis langjährigem Freund und Mitreiter beim Ostermarsch Rhein-Ruhr, dem Landesgeschäftsführer der DFG-VK, Felix Oekentorp. In verschiedenen antifaschistischen Gruppen wie der „Interventionistischen Linken Düsseldorf – See Red!“ oder dem „Duisburger Netzwerk gegen Rechts“ ist Willi Hoffmeister ein angesehener Mitstreiter. So würdigte Mischa Aschmoneit ihn als „vertrauensvollen Bündnispartner“ mit dem man über Jahre hinweg gemeinsam gegen die Dortmunder Naziszene demonstriert habe und der weit über die Grenzen der traditionellen Friedensbewegung bekannt sei und geschätzt werde.

Wer Willi persönlich kennt, weiß, dass dies zutreffend ist. Allen politischen Rückschlägen zum Trotz ist er sich Zeit seines Lebens treu geblieben. Oder um es mit Bertolt Brecht zu sagen: „Die Schwachen kämpfen nicht. Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde lang. Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre. Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang. Diese sind unentbehrlich.“


In Gedenken an Willi Hoffmeister

Die Nachricht verbreitete sich in sogenannten sozialen Medien wie ein Lauffeuer: Willi Hoffmeister lebt nicht mehr. Der Friedensaktivist, Gewerkschafter, Antifaschist und Kommunist verstarb am Dienstag im Alter von 88 Jahren in Dortmund. Erst am vergangenen Freitag hatte der überzeugte Gegner von Militarisierung und Krieg das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten und war damit selbst von „offizieller Seite“ für sein lebenslanges politisches Engagement gewürdigt worden.

Der 1933 geborene Willi Hoffmeister wurde während seiner Kindheit von den Verbrechen der Nazibarbarei geprägt. Für ihn gehörten der Kampf für Frieden und Antifaschismus untrennbar zusammen. Solange es seine Gesundheit zuließ, nahm der Gewerkschafter an Protesten, Demonstrationen und Mahnwachen teil. Er engagierte sich gegen die in Büchel stationierten US-Atomwaffen, die Dortmunder Neonaziszene, Aufrüstung und Krieg und warb für Frieden mit Russland.

Vor allem aber der Ostermarsch Rhein Ruhr blieb stets seine Herzenssache. 1961 fand der erste Ostermarsch Ruhr von Duisburg nach Dortmund statt. Willi nahm daran teil und blieb ihm bis zuletzt treu. Wie auch in den Folgejahren bis er 1971 selbst einer der maßgeblichen Organisatoren des traditionellen Friedensmarsches wurde. Auch seiner Gewerkschaft, der IG Metall, blieb er bis zu seinem Lebensende treu und engagierte sich in deren Vertreterversammlung sowie im Dortmunder Bündnis gegen Rechts und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN/BdA).

Willi Hoffmeister war ein Mensch und Genosse, der nicht nur bei Linken aller Couleur ein überdurchschnittlich hohes Ansehen besaß. Das zeigte zuletzt die lange Liste der Gratulantinnen und Gratulanten anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. Sie reichte von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern, Mitgliedern seiner Partei – der DKP -, Aktivistinnen und Aktivisten aus Antifa-Gruppen und Initiativen der Friedensbewegung. Auch Klima- und Umweltschützer schätzen Hoffmeister. Warb dieser doch dafür die soziale Frage mit den notwendigen Korrekturen in der Umwelt- und Klimapolitik zusammen zu denken. Ihnen allen, uns allen, wird Willi nun schmerzlich fehlen. Als Freund, Ratgeber und Genosse mit Herz. Als Mann der leisen Töne. Einem der zusammenführen und nicht spalten wollte – und der wie kaum ein anderer von einer bemerkenswerten Geduld, Nachsichtigkeit, Güte und Freundlichkeit geprägt war. Die Lücke, die er hinterlässt wird nur schwer zu schließen sein.

Wir werden Willi stets in guter Erinnerung behalten und sein politisches Vermächtnis im Kampf für den Frieden und gegen alte und neue Nazis in seinem Sinne fortsetzen.


Über den Autor

Markus Bernhardt (Jahrgang 1977) ist freier Journalist und Autor sowie studierter Sozialarbeiter. Er arbeitet für verschiedene Printmedien, unter anderem für die Tageszeitung „junge Welt“. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Themen Innen-, Gesundheits-  und Gleichstellungspolitik sowie Antifaschismus.

2012 veröffentlichte er das Buch „Das braune Netz: Naziterror – Hintergründe, Verharmloser, Förderer“ über das faschistische Terrornetzwerk „NSU“ im PapyRossa Verlag Köln.

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"Ehrung eines Friedenskämpfers", UZ vom 6. August 2021



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