Wie der Sieg über den Hitlerfaschismus in Moskau gefeiert wurde

Gedeckte Tische im Gorki-Park

Ulrich Heyden

In Russland war auf den Straßen am 9. Mai, der jedes Jahr als Siegestag über den Hitlerfaschismus gefeiert wird, nicht so viel los wie in den letzten Jahren. Die Märsche des „Unsterblichen Regiments“, bei denen Angehörige mit Porträts ihrer Vorväter, die im Großen Vaterländischen Krieg gegen die Hitlerwehrmacht kämpften, durch die Straßen ziehen, war in diesem Jahr in Moskau und einigen anderen Städten abgesagt worden. Dafür gab es vermutlich zwei Gründe: Die Gefahr von Terroranschlägen, wie es sie in den letzten Monaten gegen bekannte russische Politiker und Patrioten gegeben hatte. Ein zweiter Grund war wohl, dass nicht allen Menschen, jetzt, wo in der Ukraine russische und ukrainische Soldaten sterben, nach Feiern zumute ist. Das muss nicht unbedingt heißen, dass man in Opposition zur russischen „Spezialoperation“ steht.

Propaganda in „ARD“ und „ZDF“

Dass es in Russland am 9. Mai wie gewohnt eine Militärparade auf dem Roten Platz gab, gefiel den Kommentatoren von „ZDF“ und „ARD“ nicht. Man hatte den Eindruck, der sowjetische Sieg von 1945 stecke den Kommentatoren der großen deutschen Fernsehanstalten wie ein Zahnstocher im Hals. Die „ARD“-Korrespondentin Ina Ruck lästerte am 9. Mai sieben Minuten lang in einer Live-Schaltung über die Militärparade auf dem Roten Platz, dort habe es nichts außer Show, Zwang und die „übliche Melodie“ gegeben. Die sieben Präsidenten aus den GUS-Staaten, die mit Putin auf der Tribüne saßen, seien noch schnell „eingeflogen“ worden, behauptete Ruck. Sie verlor kein Wort darüber, dass Kasachen, Armenier, Ukrainer, Weißrussen, Russen und viele andere Nationalitäten gemeinsam in der Roten Armee gegen den Hitlerfaschismus kämpften.

Im „ZDF“ kam der „Russland-Experte“ Nico Lange zu Wort. Lange, der als neutrale Person vorgestellt wurde, hatte von 2012 bis 2017 Leitungspositionen in der Konrad-Adenauer-Stiftung und war bis 2022 Leiter des Leitungsstabes im Verteidigungsministerium. Dieser „Experte“ behauptete, auf der Parade in Moskau habe „moderne Technik“ gefehlt, woraus er schloss, „dass man nicht genug Technik hat oder die Technik anderswo braucht. Auch dass viele Paraden in ganz Russland abgesagt wurden, ist ein Zeichen, dass es nicht gut läuft in diesem Krieg.“
Russland ist eigentlich schwach und hält seine Verbündeten nur mit Zwang und Druck zusammen, das war die eigentliche Botschaft der Kommentatoren von „ARD“ und „ZDF“. Dass Russland enge Kontakte nach China, Brasilien und in verschiedene afrikanische Länder hat, wurde ausgeblendet.

Feiern im Gorki-Park

Wie üblich wurde in den großen deutschen Medien nicht von den feierlichen Veranstaltungen in Moskauer Parks berichtet, wo es Konzerte, thematische Aufführungen und Ausstellungen gab. Ich selbst war im Gorki-Park im Stadtzentrum, wo Tausende mit ihren Kindern zwischen Tulpenbeeten spazieren gingen. An den Wasserfontänen klang aus Lautsprechern Walzermusik aus den 1940er Jahren. Auf einer Aussichtsplattform spielte unter Applaus ein Armee-Blasorchester.

200801 Moskau Heyden1 - Gedeckte Tische im Gorki-Park - Antifaschismus, Antifaschistisches Gedenken, Russland - Hintergrund
Tausende trafen sich am 9. Mai im Moskauer Gorki-Park, um den Tag des Sieges zu feiern. (Foto: Ulrich Heyden)

Nur noch wenige Kriegsveteranen waren im Park zu sehen. Die meisten von ihnen sind inzwischen verstorben. Jahrzehnte war der Gorki-Park der Treffpunkt der Veteranen und ihrer Familien. Für die wenigen noch lebenden Veteranen hatte die Verwaltung des Parks mit weißem Tuch bedeckte Stühle und Tische aufgestellt. Auf den Tischen lagen Berge roter Nelken – ws ist Sitte, den Veteranen am 9. Mai eine rote Nelke zu überreichen.

Am Eingang des Gorki-Parks gab es lange Schlangen. Alle mitgeführten Gegenstände wurden von Metalldetektoren geprüft. Sicherheitsbeauftragte patrouillierten gelegentlich durch die Menge. Aus der Ukraine hatte es Andeutungen gegeben, Russland werde am 9. Mai nicht in Ruhe feiern können. Doch zum Glück blieb alles ruhig.

Im Park gab es mehrere Feldküchen, in denen die Menschen kostenlos einen Teller Buchweizengrütze und Rindfleisch sowie einen Tee bekamen. Vor diesen Küchen bildeten sich hundert Meter lange Schlangen. Die Leute warteten geduldig. Andere Möglichkeiten, sich zu verköstigen, gab es nicht. Ein junger Mann bemerkte, das Warten sei nicht schlimm. Auch damals im Krieg hätten viele lange auf Nahrungsmittel gewartet und so erlebe man das noch einmal.

Gestorben im Stalag 4b

Manche Besucher des Parks trugen Plakate mit den Bildern ihrer Groß- und Urgroßväter, die im Großen Vaterländischen Krieg gegen die deutsche Wehrmacht gekämpft hatten. Eine Familie mit zwei heranwachsenden Söhnen war extra aus Podolsk, einer Stadt südlich von Moskau, angereist. Der Familienvater, Jewgeni, trug ein Plakat. Darauf befanden sich zwei große Fotos von den Urgroßvätern von Jewgeni und seiner Frau Irina. Der Urgroßvater von Jewgeni, Alexander Michailow, war in Soldatenjacke, ohne Hemd und mit kahlgeschorenem Kopf zu sehen. „Gestorben am 29. August 1942“ stand auf dem Plakat. Zum Beweis zückt Jewgeni sein Handy und zeigt mir ein Foto von der deutschen Registrierungskarte für Kriegsgefangene, in der alle Daten seines Urgroßvaters eingetragen sind. Die Karten sind seit einigen Jahren im Internet zugänglich und für viele russische Familien nach Jahrzehnten der Ungewissheit der einzige Hinweis, was mit ihren im Zweiten Weltkrieg verschollenen Großvätern passiert ist.

Aus der Karte von Urgroßvater Alexander Michailow ging hervor, dass er im Kriegsgefangenen-Stammlager (Stalag) 4b im sächsischen Mühlberg starb. Außerdem stand auf der Karte, „beerdigt auf dem Russenfriedhof Jacobsthal“. Wie man inzwischen weiß, gab es im Stalag 4b 1941/42 eine Fleckfieberepidemie, bei der 12.000 Gefangene starben, die in Massengräbern beerdigt wurden.

Ich fragte Jewgeni, ob er bereit sei, in der Ukraine zu kämpfen. „Wenn die Heimat mich ruft, bin ich bereit“, antwortete der 39-Jährige. Als ich seine Frau Irina fragend angucke, sagt sie, „Wenn er geht, bin ich stolz auf ihn. Wir müssen uns an den Mut unserer Großväter erinnern.“ Irina erzählt, dass man den russischen Soldaten an der Front schon jetzt helfe, mit selbstgemachten Kerzen, Tarnnetzen und Medikamenten. Die Kinder würden Briefe schreiben, was für die Soldaten sehr wichtig sei. Es gäbe sehr viele Freiwilligenorganisationen, die Hilfe für die Soldaten organisieren, wie zum Beispiel eine Organisation mit dem Namen „Wir lassen unsere nicht allein“.

Ob man mit den Menschen in der Ukraine irgendwann wieder Freundschaft schließen kann, will ich von ­Jewgeni und Irina wissen. Jewgeni sagt: „Wir halten über das Internet Kontakt zu unseren Verwandten in Kiew.“ Die Verwandten könnten aber nicht ihre Meinung sagen. „Wer Verständnis für Russland äußert, muss mit harten Strafen rechnen.“

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"Gedeckte Tische im Gorki-Park", UZ vom 19. Mai 2023



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