Daimler-Belegschaft wehrt sich gegen Job-Kahlschlag. Solidarität aus anderen Werken

„Ihr seid nicht allein“

Gegen die Ankündigung des Daimler-Vorstandes, im Untertürkheimer Werk 4.000 Arbeitsplätze zu vernichten, haben tausende Kolleginnen und Kollegen am 8. Oktober auf sechs Kundgebungen protestiert. Jeweils in der Früh- und Spätschicht wurden in den Werkteilen Mettingen, Untertürkheim und Hedelfingen Versammlungen organisiert. „Zusammenstehen und Zukunft sichern! Für uns ist klar: wir müssen jetzt zusammenhalten. Wir müssen jetzt laut sein! Zusammen sind wir handlungsfähig!“, hieß es in der Einladung der IG Metall zu den Protestkundgebungen.

Das Werk in Untertürkheim besteht aus sechs Werkteilen. In Untertürkheim und Bad Cannstatt werden Motoren gefertigt, in Hedelfingen Getriebe. In Mettingen befinden sich die Achsenfertigung sowie Gießerei und Presserei. Die Ausbildung hat ihren Sitz in Brühl und die flexible Fertigung ist in Sirnau. Insgesamt arbeiten dort etwa 19.000 Beschäftigte. Werden 4.000 Stellen vernichtet, betrifft dies mehr als jeden fünften Kollegen.

Bei den Aktionen kochen die Emotionen hoch. „Herr Deiß, lass den Scheiß“, rufen die Kollegen als sie aus dem Werktor marschieren. Frank Deiß ist der Werkleiter von Untertürkheim. Die Botschaft ist klar und bald auf dem Dach eines naheliegenden Parkhauses zu lesen: „Kampffähig trotz Corona!“ Zuvor waren mehr als 2.000 Mettinger Kollegen Richtung Parkhaus gezogen, um es zu „kapern“. Straßen und Kreuzungen sperrten sie selbst. Dazu brauchen sie keine Polizei. Das haben sie schon 2004 bei der Besetzung der Bundesstraße 10 zwischen Mettingen und Untertürkheim bewiesen.

Transparentaktion auf dem gekaperten Parkdeck (Foto: Christa Hourani)

Als Betriebsrat Michael Clauss ins Mikrofon ruft: „Wir geben die Arbeitsplätze nicht kampflos her, wir lassen uns das nicht gefallen,“ bekommt er großen Applaus. Er zählt auf, welche harterkämpften Zusagen und Vereinbarungen vom Vorstand in Frage gestellt werden, verurteilt die Verlagerung ins Ausland, weil dem Vorstand die Fertigung in Untertürkheim zu teuer ist. „Nicht die Kollegen sind zu teuer“, ruft er, „sondern die Manager, die können wir uns nicht mehr leisten.“ Es gibt tosenden Beifall. Ebenso, als er ankündigt, dass die Daumenschrauben noch weiter angezogen werden müssen, alle Überstunden abgelehnt werden und vielleicht auch die B10 wieder besetzt müsse – auch wenn das Werk in Sindelfingen mit etwa 35.000 Beschäftigten dadurch zum Stehen käme.

Der stellvertretende Vertrauenskörperleiter solidarisiert sich mit den Berliner Kollegen und verurteilt den Abbau von bis zu 2.000 Stellen im dortigen Daimler-Werk. Außerdem zitiert er aus dem Solidaritätsschreiben der Vertrauenskörperleitung des Daimler-Werks in Wörth: „Wir haben diese Strategie durchschaut und sehen den Angriff auf euch als Provokation der gesamten Daimler-Belegschaft. Wir halten es deshalb für dringend geboten, dass wir als gesamte Daimler-Belegschaft diesen und weitere Angriffe auf unsere Standorte und Arbeitsplätze gemeinsam zurückweisen und diesen konzernweit den Kampf ansagen.“ Daimler-Solidarität über die Werke hinweg – das tut not.

Auch 150 Auszubildende protestieren mit. Ein Vertreter der JAV betont, dass die Azubis eine Zukunft im Werk brauchen, „sowie eure Kinder und Enkel auch“. Der Sprecher der Vertrauensleute der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) überbringt die solidarischen Grüße der am gleichen Tag streikenden SSB-Kollegen. Für ihn ist der Angriff auf die Daimler-Kollegen „ein Angriff auf uns alle, auf die ganze Region, der gemeinsam zurückgeschlagen werden muss. Die ganze Region steht hinter euch, ihr steht nicht allein.“ Weder Standortkonkurrenzlogik, noch Anbiederung an den Daimler-Vorstand hatte hier eine Chance. Das zeigt, wie wichtig linke Betriebsgruppen wie die „alternative“ sind, die hier seit Jahrzehnten politische Arbeit machen. Klassenkämpferisches solidarisches Bewusstsein kommt nicht von alleine, es muss bewusst von linken Kräften in Belegschaften hineingetragen werden.

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"„Ihr seid nicht allein“", UZ vom 16. Oktober 2020



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