Im Bankenkrach neugeboren

Von Richard Corell/Stephan Müller

„Wer marschiert hinter dem ersten Tank? Der Dr. Rasche von der Dresdner Bank!“

So hieß ein Spottvers auf den Dresdner-Bank-Vorstand Karl Rasche, SS-Obersturmbannführer, der schon 1938 mit der Ausschlachtung der Nazi-Beute begann. Ein Wirtschaftsprüfer der Dresdner Bank, Wilhelm Schaeffler, stieß 1939 in diesem Rahmen im heute polnischen Kietrz auf die arisierten Davistan Werke, konnte den Laden übernehmen und gab ihm den Namen „Schaeffler AG“.

Heute gelten Maria-Elisabeth Schaeff­ler–Thumann und ihr Sohn Georg mit einem geschätzten Vermögen von über 20 Mrd. Euro als drittreichste Familie Deutschlands. 2015 wurde ihnen aus ihren Anteilen an Continental und Schaeffler 549 Mio. Euro Dividende ausgeschüttet, erarbeitet von rund 300 000 Kollegen. Wie der Gründervorfahr und Bankangestellte damals den Kauf von immerhin vier Werken finanzierte, ist unklar, vielleicht über seinen Arbeitgeber, die Dresdner Bank, die auch in der weiteren Entwicklung eine zentrale Rolle spielen wird.

Erst mal ging es geschäftlich steil bergauf, die Panzerketten rollten auf Schaefflers Nadellagern, die Wehrmacht war der beste Kunde. Als die Rote Armee vorrückte, ließ man in 40 Waggons die wichtigsten Maschinen nach Franken bringen. Die INA (Industrienadellager) der Brüder Wilhelm und Georg Schaeffler wurde ein wichtiger Automobilzulieferer und wuchs immer wieder durch Übernahme von Konkurrenten. Die „Welteroberung“ lief über Exporte und Produktionsstätten in der ganzen Welt. Als nach Wilhelm auch Georg Schaeffler 1996 starb, erbte seine Witwe Maria-Elisabeth, ein Spross der k. u. k. Bourgeoisie (Skoda, Generali), eines der größten Familienunternehmen Deutschlands. Sohn Georg jr., dem jetzt schon ca. 80 Prozent der Anteile gehören, lebt vorwiegend in den USA. 2014 heiratete die Witwe in Kitzbühel den Unternehmer und ehemaligen Präsidenten des BDI Jürgen E. Thumann.

Zu diesem Zeitpunkt war der heikelste Deal der jüngeren Unternehmensgeschichte bereits überstanden: 2008 hatten die Schaefflers, zunächst im Stillen begonnen, den wesentlich größeren Continental-Konzern zu übernehmen. Der war schwach, weil hoch verschuldet. Continental hatte gerade Siemens dem Automobilzulieferer VDO abgenommen. Der Coup der Schaefflers wurde aber teurer als erwartet. In der Finanzkrise verkauften mehr Continental-Aktionäre als vorgesehen. Finanziert war die Milliarden-Übernahme so solide wie die US-Schrottimmobilien, die die Krise ausgelöst hatten, nämlich zu 100 Prozent fremd, also über Kredit und ganz ohne eigene Mittel. Ganz vorn dabei bei den Kreditgebern war die Dresdner Bank, die damals gerade von der Allianz zur dann staatsgestützten Commerzbank verschoben wurde.

Hier haben wir die herrliche Mischung, die in diesem Land das Sagen hat: Eine „echte Unternehmerin“, die vor der Belegschaft eine Krisenträne abdrückt; Banken, denen die Firma eigentlich gehört, die aber einen Oligarchen brauchen, der die Sache durchzuziehen hat, und ein Staat, der „seinen“ Banken den Rücken stärkt, der längst schon morsch ist.

Die wichtigste Figur wird Klaus Rosenfeld, der 2002 mit 36 Jahren zum jüngsten Vorstandsmitglied der Dresdner Bank geworden war und als Finanzchef die Übernahme durch die Allianz-Gruppe begleitet hatte. Im März 2009, kurz bevor die Allianz die Dresdner Bank in der bereits anlaufenden Finanzkrise an die Commerzbank weitergibt, räumt Rosenfeld bei der Dresdner Bank den Schreibtisch und wird Finanzchef bei den taumelnden Schaefflers. Im Oktober wird Wolfgang Reitzle bei Continental Aufsichtsratschef. Der kommt von Linde, wo der Großaktionär die Allianz ist. Das Duo Reitzle/Rosenfeld demons­triert die Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital. Rosenfeld droht mit Insolvenz; er weiß, welche Gläubiger das nicht überleben würden. Schließlich kann er die Kredite verlängern und die sinkenden Zinsen zur Refinanzierung nutzen – mit dem Wohlwollen aller Beteiligten – von Continental bzw. der Allianz wie vor allem von der Commerzbank, die von der Dresdner Bank ruiniert und vom Staat gestützt wurde. Einer der weltgrößten Zulieferer der für die deutsche Bourgeoisie so wichtigen Autobranche ist stabilisiert, und die Familie Schaeffler-Thumann ist fest in das Netzwerk der deutschen Finanzoligarchie eingebunden.

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"Im Bankenkrach neugeboren", UZ vom 28. Oktober 2016



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