Für die USA wird es eng im Halbleiterkrieg gegen China

Leicht zu gewinnen? Von wegen

Kolumne

Sie blamiert sich einmal mehr, die Phrase, die der damalige US-Präsident Donald Trump am 1. März 2018 auf Twitter postete: „Handelskriege sind gut und leicht zu gewinnen.“ Bislang schien es, als komme Washington wenigstens in seinem Halbleiterkrieg gegen China ohne größere Blessuren davon. Mit stets neuen Sanktionen gelang es ihm, die weitere Entwicklung der Volksrepublik immer wieder zu behindern – und wenn US-Chipkonzerne allzu laut stöhnten, die Sanktionen nähmen ihnen einen besonders wichtigen Absatzmarkt, erhielten sie Ausnahmegenehmigungen, die ihnen profitable Lieferungen an Kunden in China erlaubten. Jetzt aber zeichnet sich die erste größere Hürde ab: Peking hat erstmals mit Gegensanktionen reagiert, mit denen ein US-Konzern mit relevantem Chinageschäft ins Visier genommen wird: der Speicherchiphersteller Micron. Das entwickelt sich für Washington zu einem Problem – nicht nur, weil Micron rund 11 Prozent seines Umsatzes in der Volksrepublik erzielt. Träfe es einmal Konzerne wie Nvidia, Intel oder Qualcomm, wäre der Verlust noch größer.

Das Problem: Werden Micron-Speicherchips in China sanktionsbedingt vom Markt gedrängt, dann entsteht eine Lücke, in die andere vorstoßen können. Neben chinesischen Herstellern sind das insbesondere Samsung und SK Hynix aus Südkorea. Washington dringt seit Wochen in Seoul darauf, die beiden südkoreanischen Konzerne daran zu hindern. Die Regierung in Seoul steckt nun in der Klemme. Einerseits hat sie kein Interesse daran, dass Washington mit der Peitsche anrückt. Andererseits kämen für Samsung und SK Hynix neue Absatzchancen in China gerade recht – schließlich ist der Markt für ihre Speicherchips aktuell überschwemmt. Fatal wäre zudem, wenn China in Antwort auf eine etwaige südkoreanische Chipliefersperre Gegenmaßnahmen ergreift: Rund 40 Prozent der südkoreanischen Halbleiterexporte gehen nach China; das bietet breite Angriffsflächen. Die Regierung in Seoul teilte nach langem Überlegen vergangene Woche mit, sie werde südkoreanischen Firmen größere Exporte nach China nicht untersagen. Die Bereitschaft, das eigene Kapital zugunsten von US-Interessen zu schädigen, ist selbst bei proamerikanischen Hardlinern wie Präsident Yoon Suk-yeol begrenzt.

Und wenn die US-Peitsche Samsung und SK Hynix doch noch zum Einknicken zwingt? Beide Konzerne fertigen Halbleiter auch in Fabriken in China. Da Maschinen zu deren Produktion dort aufgrund von US-Sanktionen eigentlich nicht eingeführt werden dürfen, sind die südkoreanischen Unternehmen gleichfalls auf Ausnahmegenehmigungen aus Washington angewiesen. Sie sind also leicht erpressbar. Müssten sie unter Druck darauf verzichten, die ausfallenden Micron-Speicherchips in China zu ersetzen, dann müsste die Volksrepublik ihre Produktion noch schneller als geplant hochfahren. Das brächte durchaus Friktionen mit sich. Im Westen allerdings drängten dann ab sofort mit den eigentlich für China vorgesehenen Micron-Produkten noch mehr Speicherchips auf einen ohnehin überschwemmten Markt. Größere Verluste wären auch für die westliche Halbleiterbranche kaum zu vermeiden – und das zusätzlich zu steigenden Spannungen zwischen den USA und ihrem ausgebremsten Verbündeten Südkorea.

Auf das Problem, dass man mit Sanktionen faktisch den eigenen Markt überschwemmen kann, hat kürzlich Jen-Hsun Huang hingewiesen, der Chef des mächtigen US-Chipkonzerns Nvidia. Stoppe man systematisch die Lieferung westlicher Halbleiter nach China, baue zugleich aber mit zweistelligen Milliardensummen neue Fertigungsstätten in den USA und in der EU, dann, warnte Huang, drohe eine ruinöse Halbleiterschwemme nicht nur bei Speicher-, sondern auch bei anderen Chips. Könnten die Produzenten diese nicht mehr zu profitablen Preisen losschlagen, drohten sie in eine ernste Krise abzurutschen. Huang riet dringend dazu, vor der nächsten Sanktionsrunde vielleicht doch noch einmal nachzudenken – man kann sich nämlich durchaus auch selbst zu Tode sanktionieren.

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Über den Autor

Jörg Kronauer (Jahrgang 1968) ist Sozialwissenschaftler und lebt in London. Er ist Redakteur des Nachrichtenportals „german-foreign-policy.com“, freier Journalist und Buchautor. Seine Themenschwerpunkte sind Neofaschismus und deutsche Außenpolitik.

Kronauer veröffentlichte 2018 bei PapyRossa „Meinst Du, die Russen wollen Krieg? Russland, der Westen und der zweite Kalte Krieg“. Sein aktuelles Buch „Der Rivale“ analysiert die Rolle der VR China im internationalen Klassenkampf.

Für die UZ schreibt Kronauer eine monatlich erscheinende Kolumne mit dem Schwerpunkt deutsche Außen- bzw. Konfrontationspolitik gegen Russland und China.

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"Leicht zu gewinnen? Von wegen", UZ vom 2. Juni 2023



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