Die Stimmen aus den Betrieben gegen den Generalangriff der Bundesregierung auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten werden lauter. Mal voller Wut, mal mit Hinweis auf die massiven Ausgaben für Hochrüstung und Krieg, mal direkt an den Kanzler mit einem Gesprächsangebot. Ein solches formulieren auch die Vertrauenskörperleitungen der IG Metall bei Mercedes-Benz in ihrem Offenen Brief an Kanzler Merz – nicht ohne vorher klare Kante zu zeigen. UZ dokumentiert Auszüge:
Im Austausch mit den Beschäftigten an den Standorten der Mercedes-Benz Group erleben wir als Vertrauenskörperleitungen der IG Metall derzeit sehr deutlich, wie die politischen Diskussionen über Rente und Arbeitszeit in den Betrieben ankommen. Mit den Sorgen der Kolleginnen und Kollegen wächst die Wut. Wut darüber, dass ausgerechnet diejenigen für die Krise zahlen sollen, die dieses Land Tag für Tag am Laufen halten.
Wir hören aus der Politik immer wieder dieselbe Botschaft: Angeblich sind wir schuld an den Problemen der deutschen Wirtschaft. Wir seien zu faul. Zu teuer. Zu häufig krank. Und deshalb sollen wir jetzt den Karren wieder aus dem Dreck ziehen. Wir sollen länger arbeiten. Später in Rente gehen. Und bei der Gesundheitsversorgung immer tiefer in die eigene Tasche greifen. Gleichzeitig sollen in den kommenden Jahren zehntausende Industriearbeitsplätze verschwinden. All das ist ein direkter Angriff auf uns Arbeitnehmer und auf die Zukunft unserer Kinder!
Besonders kritisch sehen wir die Diskussion über eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters. Schon heute ist es für viele Kolleginnen und Kollegen in der Industrie alles andere als selbstverständlich, überhaupt die Regelaltersgrenze zu erreichen. (…) Wer jahrzehntelang Beiträge gezahlt und körperlich oder psychisch belastende Arbeit geleistet hat, muss auch die Möglichkeit haben, früher abschlagsfrei in den Ruhestand zu gehen. Eine Rente mit 70 ist deshalb für uns vollkommen realitätsfern.
Für viele Kolleginnen und Kollegen stellen bereits 67 Jahre die absolute Belastungsgrenze dar. Ebenso kritisch sehen wir die Diskussion um die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren. Die sogenannte „Rente mit 63“ gibt es für die meisten Beschäftigten längst nicht mehr. Für die Jahrgänge ab 1964 ist eine abschlagsfreie Rente trotz 45 Beitragsjahren erst mit 65 Jahren möglich. Trotzdem wird auch diese Regelung wieder zur Disposition gestellt. Dafür gibt es in unseren Betrieben kein Verständnis. Wir sagen: Hände weg von unserer Rente!
Mit größter Sorge verfolgen wir außerdem die Diskussion über eine Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes. Der Achtstundentag ist keine veraltete Vorschrift. Er ist eine der größten sozialen Errungenschaften der Gewerkschaftsbewegung. Er schützt Gesundheit, Sicherheit und Würde der Beschäftigten und setzt der immer weiteren Verdichtung der Arbeit notwendige Grenzen. Gerade in der Automobilindustrie leisten viele Kolleginnen und Kollegen Zweischicht- und Dreischichtarbeit. Wechselnde Früh-, Spät- und Nachtschichten belasten den Biorhythmus, erhöhen gesundheitliche Risiken und erschweren das Familien- und Sozialleben erheblich. Wer vor diesen Gegebenheiten den Achtstundentag aufweichen oder längere tägliche Arbeitszeiten umsetzen will, verkennt die Realität in den Produktionshallen. Mehr Arbeitszeit bedeutet hier nicht mehr Leistung. Sie bedeutet mehr Überlastung, mehr gesundheitliche Schäden und ein höheres Unfallrisiko. Wir haben den Achtstundentag erkämpft – und wir werden ihn verteidigen!
Längere Wochen- und Lebensarbeitszeiten führen zu weniger Arbeitsplätzen, höherer Arbeitslosigkeit und sinkender Kaufkraft. So kann kein Wachstum erzeugt werden. Dieser Weg führt nur tiefer in die Krise hinein und nicht heraus. Wo Arbeitszeit ausgeweitet, Arbeitsplätze abgebaut und Renten gekürzt werden, entstehen weder Zukunftsperspektiven noch Wachstum. Es entstehen Unsicherheit, Kaufkraftverlust und soziale Spaltung. Die Beschäftigten sind nicht das Problem. Sie sind jeden Tag der Grund dafür, dass dieses Land überhaupt funktioniert.
Mit Verlaub, Herr Bundeskanzler, auf solche weltfremden „Reform“-Pläne kann nur jemand kommen, der noch nie an einer Montagelinie gearbeitet hat; der es sich nicht ausmalt, wie es ist, bei Gluthitze in einer Gießerei zu stehen; der keine Vorstellung davon hat, was es bedeutet, trotz Bandscheibenvorfall und chronischen Schmerzen bis zur Rente weiter schuften zu müssen.
Wir fordern:
- Erhalt der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren!
- Eine Rentenpolitik, die die tatsächliche Lebensarbeitszeit und den Eintritt ins Berufsleben berücksichtigt.
- Verlässliche Rahmenbedingungen für die Altersteilzeit.
- Keine Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes und ein uneingeschränktes Bekenntnis zum Achtstundentag!
Herr Merz, bei vielen Kolleginnen und Kollegen ist immer mehr die Überzeugung gewachsen, dass im Bundestag nicht die Interessen der Arbeitnehmer vertreten werden. Diese Tendenz ist fatal, denn sie spielt Gruppierungen jenseits der politischen Mitte in die Karten. Sie haben die Möglichkeit, einen anderen Weg einzuschlagen. Einen Weg, der sich an den Interessen und der Lebenswirklichkeit der Beschäftigten orientiert. (…) Wir appellieren daher an Sie: Setzen Sie den Kurs des Klassenkampfs nicht weiter von oben fort, sondern hören Sie den Menschen in diesem Land – hören Sie ihren Wählerinnen und Wählern – zu.









