Deutsch-ukrainischer Waffengang gegen Russland

Noch ein „Game Changer“

Am Sonnabend stöhnte der Kölner „Express“: „Jeden Tag eine neue Forderung: Jetzt wollen die Ukrainer von den Deutschen Marschflugkörper vom Typ ‚Taurus‘. Reine Angriffswaffen mit einer Reichweite von 500 Kilometern, die das russische Radar unterfliegen könnten.“ Ob zuerst gefordert wurde oder ob Berlin seine Superwaffe aufdrängte, ist allerdings unklar.

Am 13. Mai verkündet die Bundesregierung jedenfalls, Kiew erhalte weitere Waffen im Wert von 2,7 Milliarden Euro. Von „Taurus“ war keine Rede. Einen Tag später erklärt der auf Waffensammeltour in Berlin Zwischenstopp einlegende Wladimir Selenski, das „Hilfspaket“ reiche nicht, und verlangt eine „Kampfjet-Koalition“. Die angeblich nicht zugesagt wurde. Deutschen Russlandruinierern und -besiegern reicht das Ganze sowieso nicht. Unionsfraktionsvize Johann Wadephul sagt dem „Tagesspiegel“ vom 13. Mai: „Weder völkerrechtlich noch politisch gibt es eine Begründung dafür, warum die Ukraine nicht auch Ziele in Russland angreifen darf. Der Kanzler solle daher „seine Bemerkungen zum Einsatz deutscher Waffen im Krieg gegen Russland zurücknehmen“. Die Ukraine müsse, so Wadephul weiter, „Logistik und Nachschub auch jenseits der Grenze stören können“.

Das sieht rein zufällig Kiews Ex-Botschafter Andrej Melnyk genauso. Er bedauert am selben Tag, „dass das gerade geschnürte Hilfspaket keine deutschen Marschflugkörper ‚Taurus‘ beinhaltet, um feindliche Ziele im Hinterland unschädlich zu machen und so zum Erfolg unserer Offensive beizutragen“.

Was Melnyk sagt, ist für Berlin Befehl, nur die Ausführung verzögert sich manchmal. Es dauerte diesmal zehn Tage, bis der Oberst der Reserve und CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ mitteilt: Die „Taurus“-Lenkwaffen mit bis zu 500 Kilometern Reichweite könnten ein „sehr hilfreicher Beitrag aus Deutschland“ sein.

Sie brächten der Ukraine massiven Mehrwert und ermöglichten „Schläge gegen die militärische Infrastruktur der Russen weit hinter der Frontlinie“. Für die Bundeswehr seien vor zehn Jahren rund 600 Taurus beschafft worden. Davon seien heute noch „um die 150“ einsatzbereit.

Drei Tage später, am 26. Mai, ist es endlich soweit: „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ unter der Überschrift „Ein ‚Game Changer‘ aus Deutschland“ und „Bild“ („Marschflugkörper aus Bayern bald im Ukraine-Krieg?“) melden, Kiew habe in Berlin offiziell um „Taurus“-Lieferungen gebeten. Das deutsche Kriegsministerium bestätigt das umgehend. Aus dem estnischen Tallinn versichert am gleichen Tag der Kanzler eisern: Kiew setze deutsche Waffen nicht auf russischem Boden ein.

Da hilft eine Erläuterung von „dpa“ zum „Taurus“-Marschflugkörper weiter: „Piloten von Kampfjets müssen, um ihn abzufeuern, nicht in den feindlichen Luftraum eindringen. Die Waffen finden demnach auch aus großen Höhen und Entfernungen ihr Ziel und können etwa Bunkeranlagen zerstören. ‚Durch vier voneinander unabhängige Navigationssysteme findet der Luft-Boden-Lenkflugkörper sein Ziel sehr zuverlässig, auch bei gegnerischen Störmaßnahmen,‘ heißt es bei der Bundeswehr.“

Die kriegsentscheidende deutsche Wunderwaffe heißt demnach heute „Game Changer“, der Kanzler hat nicht gelogen und am 30. Mai meint Kiews Kriegsminister Oleksij Resnikow in den Funke-Zeitungen, Berlin solle deutsche Eurofighter-Kampfjets liefern. Eine Woche zuvor zeigte sein Ministerium bei Twitter einen „Leopard 2“, der unter Bandera-Fahne „in die Wildnis“ prescht. Bei den zu deutschen Angriffswaffen passenden Symbolen im gemeinsamen Russlandfeldzug kann Kiew sich noch steigern.

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"Noch ein „Game Changer“", UZ vom 2. Juni 2023



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