Zur Instrumentalisierung des Buchenwald-Gedenkens

Ohrfeige für die Opfer

Buchenwald, 12. August 1992. Über dem Gelände des ehemaligen KZ Buchenwald steht ein russischer Militärhubschrauber eine Weile in der Luft. Bevor er Richtung Osten abdreht, wirft die Besatzung Rosen ab. Sie landen fast auf dem Gedenkstein, der an das Kriegsgefangenenlager für sowjetische Soldaten erinnert. An ihnen ist ein handgeschriebener Zettel befestigt: „Ewiges Gedenken den Häftlingen von Buchenwald. Heute, am 12. August 1992, schicken wir Euch – nach Russland fliegend – einen letzten Gruß und verneigen uns ein letztes Mal vor Euch.“

Buchenwald, 12. April 2026. Eine kleine Delegation russischer Diplomaten möchte einen Kranz an eben jenem Gedenkstein niederlegen und eine kurze, feierliche Gedenkzeremonie abhalten. Mitarbeiter der Gedenkstätte Buchenwald fordern die Diplomaten auf, das Gelände zu verlassen. Die Teilnahme russischer Diplomaten an offiziellen Veranstaltungen der Gedenkstätte sei unerwünscht. Erst nach entschiedenem Protest und dem Hinweis darauf, dass weder auf Bundes- noch auf Landesebene Beschränkungen für den Besuch von Gedenkstätten durch russische Diplomaten gelten, können sie ihre Gedenkfeier doch noch durchführen.

Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, betont bei jeder Gelegenheit, das Gedenken an die Opfer dürfe nicht missbraucht werden für partikulare Zielsetzungen. Allen Opfergruppen gelte unser Gedenken, sagte er auf der Gedenkfeier anlässlich des 81. Jahrestags der Befreiung Buchenwalds.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bat die Besucher bei derselben Gelegenheit – eingeladen hatte ihn niemand, Verbände der Nachfahren der Opfer hatten sich seinen Auftritt ausdrücklich verbeten – darum, die „Würde des Tages zu achten und keine tagespolitischen Dinge in das Zentrum zu stellen“.

Wagner und Weimer machen genau das, was sie anderen vorwerfen: Sie instrumentalisieren das Gedenken an die Buchenwalder Opfer des Faschismus für tagespolitische Zwecke. Sie stützen das russophobe Narrativ der Bundesregierung, das als propagandistische Vorbereitung für den großen Krieg gegen Russland dient. Sie verneigen sich nicht vor den Opfern, sie ohrfeigen sie.

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"Ohrfeige für die Opfer", UZ vom 17. April 2026



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