Presse, Organisation, Gegenmacht

Tobias Kriele im Gespräch mit Diane Garreth und Lisa Daniell

UZ: Was ist euer Selbstverständnis als „Women‘s Press Collective“ (WPC)?

Diane Garreth: Wir wollen die Stellung arbeitender Frauen in unserem Land ändern.

Wie wäre es, wenn sie echten politischen Einfluss hätten, wenn die Arbeiterinnen in traditionellen Frauenjobs wie Krankenpflegerinnen und Lehrerinnen tatsächlich diese Branchen in der Hand hätten? Nicht im Sinne einzelner Frauen, die sich in die Spitze des existierenden Systems hocharbeiten, sondern im Sinne einer grundsätzlichen Veränderung der Situation, wie und in wessen Interesse strategische Entscheidungen getroffen werden.

Um diese Art von Veränderung zu erreichen, müssen Frauen Stärke und Druck als Teil ihrer Klasse ausüben. Dazu ist Organisierung notwendig, und die muss man aufbauen.

UZ: Ihr habt 2016 zum ersten Mal am UZ-Pressefest teilgenommen. Hat sich die lange Reise gelohnt?

Lisa Daniell: Wir sind mit zwei Zielen zum Pressefest gekommen: Wir wollten unsere Erfahrungen im Aufbau von alternativen Medien in den USA teilen und Kontakte mit anderen alternativen Medienorganisationen aus der ganzen Welt aufbauen – nicht im Sinne einer alternativen Form im Vergleich zu den traditionellen Medien, sondern mit anderem Inhalt und anderen Absichten als die Medienkonzerne.

Wir wollten den Besuchern des Pressefestes auch vermitteln, dass es einen Teil der USA gibt, der anders ist, als es die Medienkonzerne der Welt weismachen wollen. Diese Reise war ein erster Schritt, und wir sind sehr glücklich, dass sich für uns die Möglichkeit eröffnet hat, teilzunehmen.

UZ: Im Anschluss an das Pressefest seid ihr durch Deutschland und die Schweiz gereist. Was war die Idee dabei?

Diane Garreth: Meistens waren wir auf den Veranstaltungen in Deutschland und der Schweiz Teil einer US-amerikanischen und kubanischen Reisegruppe zusammen mit Jorgito Jerez und seiner Schwester Amanda unterwegs, beide Protagonisten des Dokumentarfilms „Die Kraft der Schwachen“, mit dem wir im April eine erfolgreiche Veranstaltungsreihe in New York organisiert haben.

Neben dem Bericht von dieser Filmtour wollten wir das „Women‘s Press Collective“ als Organisation einer alternativen Form der Presse vorstellen. In den USA sind 90 Prozent der Medienindustrie in der Hand von einer Handvoll Multis. In Folge dessen hat die arbeitende Bevölkerung in der Regel keinen Zugang zu einer davon abweichenden Berichterstattung, insbesondere in Bezug auf die Frage, ob gesellschaftliche Veränderungen möglich sind oder wie sie selbst eine Rolle in gesellschaftlichen Veränderungen spielen könnten.

Unser Ziel besteht aber nicht nur darin, den Arbeiterinnen und Arbeitern eine Stimme zu verschaffen oder eine alternative Botschaft zu vermitteln, es ist vielmehr materieller Natur: durch die Produktion und den Vertrieb von Druckmaterialien eine Organisation aufzubauen und Gegenmacht für arbeitende Frauen und Werktätige im Allgemeinen zu entwickeln.

Auf den Veranstaltungen wollten wir einen Einblick in den strategischen Ansatz und die Methode geben, mit der wir im „Women‘s Press Collective“ arbeiten. Wir sehen dabei unsere Druckerzeugnisse als Werkzeuge im Aufbau von Organisierung. Unsere Mitgliedsorganisationen und auch einzelne WPC-Mitglieder eignen sich die technischen Fähigkeiten zum Konzipieren, Schreiben, Layouten und Drucken an und werden so in die Lage versetzt, ihre eigenen Veröffentlichungen und Materialien zu drucken, die sie für ihre Organisation benötigen oder auch dafür, um damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Anschließend helfen sie, dieses Wissen an andere Mitglieder zu vermitteln.

Wir vermitteln auch unsere eigene Organisierungsstrategie, mit der diese Materialien methodisch für gesellschaftliche Veränderungen eingesetzt werden können. Keiner von uns kann ein solches Problem alleine angehen, nur durch Organisierung, durch das Zusammenfassung verschiedener Beiträge aus der Community können wir uns gegenseitig unterstützen, um die Wurzel unseres Elends zu beseitigen.

UZ: Wie beurteilt ihr die derzeitigen Proteste gegen rassistische Polizeigewalt in den USA? Können sie zum Entstehen einer fortschrittlichen Entwicklung beitragen?

Lisa Daniell: Das größere Problem im Vergleich zu rassistischen Vorurteilen ist die Existenz des institutionalisierten Rassismus, der dazu dient, den ökonomischen und politischen Status Quo aufrechtzuerhalten. Das ist der eigentliche Anlass der gegenwärtigen Proteste und Demonstrationen in den USA. Die Polizisten sind Regierungsangestellte und tun nur das, wozu sie ausgebildet wurden. Wenngleich natürlich einzelne Polizisten rechtlich für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden müssen, wird das doch nicht zu Gerechtigkeit führen oder die Politik der diversen Polizeiabteilungen des Landes verändern.

Die US-Propagandamaschine bläut der Bevölkerung ein, dass die Arbeiterklasse zur „Mittelschicht“ zähle und dass der Individualismus die Grundlage von „freedom and democracy“ sei. Da die Leute gar kein oder nur ein geringes Klassenbewusstsein haben, reagieren sie auf gesellschaftliche Probleme eher auf eine individualistische denn auf eine kollektive Weise. Dies führt zu individuellen Reaktionen, entweder in Form von Rache oder von Randale. Zugleich aber ist beides ein Ausdruck davon, dass die USA derzeit eine Regierung haben, die zunehmend unfähig ist, ihrem Auftrag gemäß zu regieren, und eine Bevölkerung, die unwillig ist, sich auf diese Weise regieren zu lassen.

Wir sehen unsere Aufgabe als „Women‘s Press Collective“ darin, jene zu erreichen, die nach effektiveren Alternativen als Demonstrationen und Krawallen suchen und wollen ihnen Wege aufzeigen, wie diese Art von Veränderung erreicht werden kann. Hierin sehen wir den Weg, eine fortschrittliche Bewegung in den USA aufzubauen.

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"Presse, Organisation, Gegenmacht", UZ vom 4. November 2016



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