Die Hacks-Gesellschaft beschäftigt sich auf ihrer Tagung mit Hacks und Goethe

Singuläre Erscheinung in den Zeiten

Tim Meier

Am Samstag findet in Berlin die 15. wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft zu „Hacks und Goethe“ statt. UZ sprach mit ihrem Vorsitzenden Matthias Oehme.

UZ: Der Titel der diesjährigen Tagung lautet: „‚Als man begriff, daß er unschlagbar wär‘ – Hacks und Goethe“. Wie kam es zur Themenwahl?

Matthias Oehme: Die Zahl fünfzehn sagt’s, wir veranstalten ja bereits seit geraumer Zeit Tagungen dieser Art. Sie heißen „wissenschaftlich“, was so richtig wie falsch ist – sie erfüllen durchweg die Ansprüche der Wissenschaftlichkeit, natürlich, doch reizen und erfreuen ebenso ein breiteres Publikum, das an Literatur, an dem sehr speziellen Dichter Peter Hacks und am Ausgang der unausgetragenen literarischen Fehden der DDR, die auch was mit ­Goethe zu tun haben, interessiert ist. Diese Fehden reichen in den bundesrepublikanischen Literaturbetrieb, ganz klar, aber so wie einerseits Hacks tot ist, hätte er andererseits heute wohl keine Gegner mehr: es lässt sich eine Verarmung und ein – wie man jetzt gern sagt – proaktives Verschweigen feststellen. Ist da der Tagungstitel nicht mehr als passend? Einst scheute man die Auseinandersetzung mit Hacks, heute nun ist das Aufatmen darüber unüberhörbar, selbst bei Linken, dass man dieser Auseinandersetzung aus dem Weg gehen kann. Man könnte meinen, eine stumme Fronde der Querfront der ­Ignoranz – doch Konjunkturen der Fronde und Ignoranz kommen und verwehen, die Goethesche und Hackssche Dichtung aber bleibt, wie die Zuversicht bleibt.

UZ: Schon Georg Lukács hatte seinerzeit der Arbeiterklasse den Goethe anempfehlen wollen. Tun wir uns aber nicht bereits schwer genug mit der Aneignung des Hacks?

Matthias Oehme: Ich hoffe, die Frage enthält keine Lukács-Schelte, denn die weise ich zurück. Die Arbeiterklasse war sehr gut beraten, als sie – vornehmlich natürlich in der DDR – seinem Hinweis folgte und sich Goethe auf die Fahnen schrieb. Aber ich will nicht leugnen, dass heute die Schwierigkeiten der Aneignung und des Genusses dieser beiden dichterischen Schätze so weit nicht auseinanderliegen. Das Theater beispielsweise will mit diesen ästhetischen Anmutungen nicht belästigt werden und verzichtet lieber ganz auf sein unterfordertes Publikum. Es gelten Genuss als biedermeierlich, Formen als Vergewaltigung, Sprache als ein Material wie die Bühnendeko und die Stücke als am besten inszeniert, deren Text an die Bühnenwand oder in den Orchestergraben gebrüllt wird. Alles nicht machbar, weder mit Goethe noch mit Hacks.

UZ: Insofern, fragen wir erst mal: Wofür braucht es heute den Goethe?

Matthias Oehme: Nicht für die Philologie, wie offenbar unsere geistige Halbwelt glaubt. Ich kann die Frage hier nicht beantworten, sie umgreift ein Universum. Selbst wenn man von allen dichterischen, literarischen Qualitäten dieses noch stets unterschätzten Sprachschöpfers absieht – nur mal ein praktischeres Beispiel: Man kann heute kaum sicher wissen, was man von welchen vermeintlichen Orientalismusexperten zu halten hat und welche wissenschaftlich getarnten Rechtfertigungen für „Krieg gegen Islamisten-Terror“ oder schmalzige Reiseberichte aus dem Erste-Klasse-Waggon unserer Bagdadbahnen untergejubelt kriegt. Im Zweifelsfall kann jedermann Goethes „West-östlichen Diwan“ aufschlagen und noch heute mehr daraus über „die da drüben und unten“ lernen als aus tausend Meinungs- und Befindlichkeitsbekundungen des bundesdeutschen Zeit(un)geists, selbst wenn der „Diwan“ heute eher als Nebenwerk gilt. Goethe vermittelt eine Ahnung von Wissensdrang, Emanzipations- und Fortschrittsnöten sowie von hinreißender Verskunst, sei es da oder in der Menschheitsdichtung „Faust“, die aktuell aus Schulen zu verschwinden droht.

UZ: Es bahnt sich hier ein Appell zu Hacks an – serviert die diesjährige Tagung den Dichter als eine Art Goethe des 20. Jahrhunderts?

Matthias Oehme: Ohne vorgreifen zu wollen: Die Forschung zum Verhältnis von Hacks zu Goethe versucht nicht, ersterem ein Rang-Label „à la Goethe“ anzudichten, sondern zu untersuchen, was Hacks von jenem lernte, sich anverwandelte und gebrauchte und inwieweit er den dabei selbstgesetzten Maßstäben gerecht wurde. Ästhetische Urteile werden da sicher nicht ausbleiben, aber philosophische und politische nicht minder. Es waren nicht die klügsten Köpfe, die einst nicht genug über den „DDR-Goethe“ spotten konnten und Hacks‘ Beschäftigung als Faible, Marotte oder Selbstüberschätzung missverstehen wollten. Das ist ja alles nur schlechtes Feuilleton; Hacks hingegen hatte in Goethe schon früh und dann immer deutlicher denjenigen erkannt, der die geschichtlich anstehenden Epochenfragen – nun, vielleicht nicht beantwortete, aber doch stellte, als solche begriff und zeitlebens um ihre Beantwortung rang. Eine singuläre Erscheinung in seiner Zeit und in den Zeiten. Hacks stellte sich auf dessen Schultern und brachte einige seiner schönsten Dichtungen und höchst scharfsinnige Essays gerade im Dialog mit Goethes Denken und gesellschaftlichem Wirken hervor. Das ist keine oberflächliche Beziehung, sondern eine des tiefsten Verständnisses in Fragen von Dichtkunst und Gesellschaft. Wo will dieses aufkommende Bürgertum hin, wohin ist es am Ende geraten, und was aber wollen wir, die wir nicht an Profit, sondern das gesittete soziale Zusammenleben denken?

UZ: Was für Publikum kommt so zu den Tagungen?

Matthias Oehme: Natürlich eher bürgerliches Publikum; vorwiegend Literaturwissenschaftler, aber auch künstlerisch, historisch und philosophisch interessierte Leute, Theaterschaffende, Kunststudierende, Schriftstellerkollegen, Journalisten – und meist ist der Saal im Berliner Magnushaus gut gefüllt. Zugegeben, für meinen Geschmack noch immer zu wenig, weil sich leider das Vorurteil hält, die Tagung sei eine Art Séance, eine Hacks-Beschwörung, statt einer allseits packenden, lebendigen, kämpferischen Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit und Zukunft.

UZ: Wie sehen die weiteren Pläne für die Tagung und die Peter-Hacks-Gesellschaft aus?

Matthias Oehme: Die jährlichen Tagungen sind gewiss eine Art Hauptaktivität unserer Gesellschaft. Daneben gibt es Veranstaltungen aller Art, die lebendige Erinnerung und Werkpflege verbinden. Wir wollen auch verstärkt wieder Theateraufführungen/Aktivitäten unterstützen, soweit es in unseren Kräften steht. Den Tagungen voran geht stets ein Bühnenabend, diesmal im Theater im Palais am Festungsgraben. Thomas Neumann trägt einen Essay von Hacks vor, „Saure Feste“, zu Goethe, „Pandora“, Prometheus, zum Kern unserer Tagung.

Für den November 2023 ist als Tagungsthema vorgesehen „Hacks in der späten DDR“. Und es erscheint jährlich ein Jahrbuch mit Aufsätzen, Rezensionen, Berichten und vor allem den dokumentierten Beiträgen der vorherigen Tagung. Wir öffnen uns zudem für Diskussionen über die Tagungsthemen und freuen uns auf Einreichung von Beiträgen rund um Hacks‘ vielfältiges Schaffen. Die verhinderten Interessierten begrüßen wir während der Tagung übrigens im Livestream. Ob das Hacks oder gar Goethe gefallen hätte, sei hier dahingestellt. Wichtiger ist, dass alle Informationen dazu und darüber auf unserer Website zu finden sind: www.peter-hacks.de.


15. Wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft
„Als man begriff, daß er unschlagbar wär“– Hacks und Goethe
5. November 2022
Magnus-Haus, Berlin
Am Kupfergraben 7, 10117 Berlin-Mitte
10 bis 18 Uhr


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"Singuläre Erscheinung in den Zeiten", UZ vom 4. November 2022



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