Über einen abgesagten Bahnstreik

System DB

„Dieser Zug ist überfüllt. Wir bitten Fahrgäste ohne Reservierung auszusteigen und Alternativen zu nutzen.“ Viele stehende und kauernde Fahrgäste tippten auf ihren Smartphones. Die Suche nach anderen Reiseverbindungen am vergangenen Sonntag blieb erfolglos – alle Züge von Köln über die Schnellfahrstrecke Richtung Frankfurt waren ausgebucht. So brauchte es die Polizei für die Überzeugungsarbeit. Die Glücklicheren, die ihren Stehplatz behalten durften, kamen mit einer Stunde Verspätung in Stuttgart an. Wie Fahrgäste, die ausgestiegen wurden, wann an ihrem Reiseziel ankamen, ist nicht bekannt.

Dass Züge am Wochenende voll sind, ist kein Geheimnis. Menschen wollen vom Wochenendtrip nach Hause, andere sind auf dem Weg zur Arbeit. Seitdem Bundeswehrsoldaten wieder umsonst die Bahn benutzen dürfen, belegen sie freitags und sonntags viele Sitzplätze, um sich am Wochenende von ihrem Mordsberuf zu erholen. Erwartbar war, dass nach der Ankündigung des Streiks viele vorher noch schnell an ihr Ziel wollten. Doch Anpassungen sind im auf Kante genähten System Deutsche Bahn AG (DB) nicht mehr möglich.

Seit der Privatisierung der staatlichen Bundesbahn gibt es im Konzern nur noch ein Ziel: Profit machen, damit die DB endlich an die Börse gehen kann. Personal wurde abgebaut. So führt eine Grippewelle inzwischen zu Engpässen, da Lokführer und Stellwerkspersonal rar sind. Reserven bei Loks und Waggons wurden auf ein Mindestmaß reduziert. Kaputte Loks können nicht kurzfristig ersetzt werden, spontan die Kapazitäten zu erhöhen ist kaum möglich. An Fahrzeugen und Infrastruktur wird nur das Nötigste getan. Ausfälle der Technik sorgen immer wieder für Zugausfälle, Verspätungen, verstopfte Toiletten oder nicht benutzbare Zugteile wegen defekter Klimaanlagen. Die Liste ließe sich detailreich fortsetzen.

Bahnfahren gleicht einem Glücksspiel: In den letzten drei Wochen habe ich zusammengerechnet über zehn Stunden Verspätung gehabt. Mir wäre es lieber, bequem und pünktlich von Stuttgart nach Essen zu kommen – gefahren und betreut von Mitarbeitenden, die von ihrem Lohn Leben können.

Mit dem System DB AG wird das nichts. Wo die Reise hingeht, zeigt die Notdienstvereinbarung von DB und EVG vom März: Trotz Streik mussten Züge, die der „Friedenssicherung“ dienen, abgefertigt werden.

  • Aktuelle Beiträge
Über den Autor

Björn Blach, geboren 1976, ist als freier Mitarbeiter seit 2019 für die Rubrik Theorie und Geschichte zuständig. Er gehörte 1997 zu den Absolventen der ersten, zwei-wöchigen Grundlagenschulung der DKP nach der Konterrevolution. In der Bundesgeschäftsführung der SDAJ leitete er die Bildungsarbeit. 2015 wurde er zum Bezirksvorsitzenden der DKP in Baden-Württemberg gewählt.

Hauptberuflich arbeitet er als Sozialpädagoge in der stationären Jugendhilfe.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"System DB", UZ vom 19. Mai 2023



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Herz.



    UZ Probe-Abo [6 Wochen Gratis]
    Unsere Zeit