Größter Buchhändler steigt aus der Tarifbindung aus

Thalia drückt Löhne

Mit Corona als Vorwand will sich der Buchhändler Thalia „mehr Flexibilität“ verschaffen. Darüber sprachen wir mit Ortwin Bickhove-Swiderski, Kreisvorsitzender des DGB in Coesfeld.

UZ: Die Buchhandels-Kette Thalia hat sich mit ihren 350 Filialen aus der Tarifbindung verabschiedet. Ist das nicht logisch, nachdem der Lockdown den Buchhandel geschwächt hat?

Ortwin Bickhove-Swiderski: Nein, überhaupt nicht. Die Tarifbindung hängt mit dem Lockdown nicht direkt zusammen. Der Buchhandel hat sich teilweise erfolgreich auf den Lockdown eingestellt. Thalia ist der größte deutsche Buchhändler – diese Tarifflucht wird sich auch auf andere Buchhandlungen und Einzelhandelsunternehmen auswirken.

UZ: Das Unternehmen sagt: Die neue Entgeltstruktur kann für die Mitarbeiter attraktiv sein. Ist das nicht schön?

Ortwin Bickhove-Swiderski: Das ist eine glatte Lüge. Das Unternehmen will die Gehaltsstruktur an die Umsatzzahlen anpassen. Wir reden von einem bundesweiten Unternehmen – auf die Umsatzzahlen hat der einzelne Arbeitnehmer keinen Einfluss. Damit wird einfach das unternehmerische Risiko auf die Arbeitnehmer abgewälzt.

Im Kapitalismus ist es ja so, dass Unternehmen Gewinne erzielen müssen. Durch die Pandemie wird nun auch hier deutlich, welche Schwachstellen dieses kapitalistische System aufweist: Bisher konnten sich die Eigentümer von Thalia die Profite in die Tasche stecken, die Gewinne sind ja nicht an die Arbeitnehmer ausgeschüttet worden. Nun sagt das Unternehmen: Meine Geschäfte laufen bescheiden, jetzt wälze ich mein Arbeitgeberrisiko auf die Beschäftigten ab. Thalia hält sich bei niedrigeren Gewinnen an seinen Arbeitnehmerinnen – dort arbeiten überwiegend Frauen – schadlos.

UZ: Was heißt das für die Beschäftigten?

Ortwin Bickhove-Swiderski: Das werden gravierende Einschnitte sein. Diejenigen, die jetzt Tariflohn bekommen, werden den zunächst behalten. Neu eingestellte Kolleginnen und Kollegen könnten dagegen auf den gesetzlichen Mindestlohn runtergedrückt werden. Das würde bedeuten: Sie machen die gleiche Arbeit, bekommen aber nicht den gleichen Lohn. Das gleiche gilt für den Urlaub: Bisher bekommen die Beschäftigten den tariflichen Urlaub von bis zu 30 Arbeitstagen, die neu Eingestellten könnten nun auf das Bundesurlaubsgesetz mit 24 Werktagen Urlaub zurückfallen.

Außerdem trägt der Ausstieg aus der Tarifbindung dazu bei, die Altersarmut zu verschärfen. Die meisten Arbeitnehmer kommen ja nicht auf 45 Jahre Beitragszeiten, wenn sie in Rente gehen – gerade in einer Branche, in der überwiegend Frauen arbeiten, von denen viele eine Zeit lang ihre Kinder zu Hause betreut haben. Niedrigere Löhne bedeuten auch Armutsrenten.

UZ: Das Unternehmen sagt, es wolle eine einheitliche Vergütung für alle Mitarbeiter erreichen. Überzeugt dich das?

Ortwin Bickhove-Swiderski: Das ist eine Frechheit. Wenn das Unternehmen das ernst meinen würde, müsste es den Tarifvertrag anwenden – gerade dann wäre sichergestellt, dass ein Arbeitnehmer bei Thalia in Düsseldorf genauso entlohnt wird wie in Cottbus.

UZ: Konnten die Beschäftigten sich dagegen wehren?

Ortwin Bickhove-Swiderski: Nein, dass Thalia seine Mitgliedschaft im Arbeitgeberverband auf eine Mitgliedschaft ohne Tarif umgestellt hat, ist eine einseitige unternehmerische Entscheidung. Allerdings wirft das rechtliche Fragen auf: Thalia will weiter Mitglied im Handelsverband sein, aber ohne Tarifbindung. Jetzt ziehe ich mal eine Parallele: Kann ein Versicherter sagen, ich bin Mitglied einer Versicherung, zahle aber keine Prämien? Da müsste geprüft werden, ob so etwas nicht untersagt werden kann.

UZ: Wie reagieren die Beschäftigten?

Ortwin Bickhove-Swiderski: Die sind verärgert. Einige Betriebsräte bei Thalia haben sich schon an ver.di gewandt, um zu überlegen, wie man mit der neuen Situation umgeht.

Um die Kollegen zu unterstützen, könnte eine konsequente Kommunalpolitik eine wichtige Rolle spielen: Nachdem Thalia aus der Tarifbindung ausgeschieden ist, dürften die Stadtverwaltungen keine Bücher mehr dort kaufen – zum Beispiel für Stadtbüchereien oder Pflegeheime – und müssten bei tariftreuen Händlern kaufen.

UZ: Thalia ist der größte Buchhändler in Deutschland und in den letzten Jahren stark gewachsen. Wie passt das zum Ausstieg aus der Tarifbindung?

Ortwin Bickhove-Swiderski: Das ist ein Skandal. Als Gewerkschaften können wir das nicht nachvollziehen. Wir müssen die Regierungen in Bund und Ländern kritisieren – schließlich könnten sie die Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklären. Aber wir müssen uns auch an die eigene Nase fassen und alles daran setzen, die Tarifbindung zu erhalten und zu stärken. Wir brauchen eine gemeinsame politische Strategie, wie wir als Gewerkschaften uns gegen dieses einseitige kapitalistische Vorgehen aufstellen können und Gegenmaßnahmen ergreifen.

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"Thalia drückt Löhne", UZ vom 15. Januar 2021



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