Spätfolgen des Einsatzes von Uranmunition

Tödlicher Staub

Von Manfred Ziegler

Die italienische Nachrichtenagentur ANSA meldete am 13. Dezember 2017 den Tod des NATO-Soldaten Leonardo Bucoliero. Er starb an einem Hirntumor und gilt als 348. militärisches Opfer der Uranmunition, die von der NATO im Kosovo eingesetzt worden war. Er war dort für ein Jahr stationiert.

Das italienische Militär bestreitet jeden Zusammenhang zwischen der Uranmunition und dem Tod von Leonardo Bucoliero. Nach Angaben des Anwalts der Familie von Leonardo Bucoliero lässt der Fund von Schwermetallen in den Analysen der Krebszellen jedoch keinen anderen Schluss zu: Er starb an den Auswirkungen der Uranmunition.

In Italien wird dieses Thema verhältnismäßig offen diskutiert. Familien von Soldaten, die an den Auswirkungen der Uranmunition starben, erhielten nach Klagen Entschädigungen zwischen 200 000 und mehr als eine Million Euro.

Die NATO gibt offiziell an, im Rahmen des Bombardements des Kosovo 1999 10 Tonnen Uranmunition an 112 Orten eingesetzt zu haben. Im Irak dagegen wurden im Krieg von 2003 innerhalb von drei Wochen 1 000 Tonnen Uranmunition eingesetzt.

Uranmunition

„Abgereichertes Uran“, das in Uranmunition eingesetzt wird, entsteht als Abfallprodukt bei der Erzeugung von hoch angereichertem Uran, es enthält weniger des spaltbaren Isotops U-235 als natürlich vorkommendes Uran. Für das Militär besteht der Vorteil des Urans in seiner hohen Dichte von 19.1 g/cm3. Ein Metall dieser Dichte verleiht Geschossen eine enorme Durchschlagskraft. Und was das Militär noch mehr begeistert: Uranmunition entzündet sich, wenn sie eine Panzerung durchdrungen hat, und hat dadurch eine extrem tödliche und zerstörerische Wirkung.

Wenn ein solches Geschoss eine Panzerung durchdringt, hinterlässt es eine Wolke aus Uranstaub. 10 Prozent bis 35 Prozent des Metalls verteilen sich als solcher Staub. Wenn das Geschoss sich entzündet, können es auch bis zu 70 Prozent sein. Gerade das macht die spezifische Gefahr von Uranmunition im Unterschied zu allen anderen Einsatzzwecken von Uran aus.

Der Staub ist so fein, dass er sich über weite Gebiete verbreitet und Menschen für lange Zeit gefährden kann. Vom Wind weitergetragen, bei Aufräumarbeiten oder beim Wiederaufbau aufgewirbelt, gelangt das Uran über Nahrung und die Atemluft in den Körper. Dort entfaltet es die giftige Wirkung – als Schwermetall und durch die Strahlung. Die Strahlung ist zwar gering, wirkt aber unmittelbar innerhalb des Gewebes. Die Staubteilchen sind so klein, dass es keine Schranke für sie gibt. Sie werden auch an Embryos übertragen.

Irak

Im Irak sind die Auswirkungen des Uranstaubes gut dokumentiert. Über Jahre hinweg haben irakische Ärzte ein hohes Ausmaß an Missbildungen bei Kindern dokumentiert, das weit über das Niveau vor dem Krieg hinausgeht. In Falludscha, der Stadt, die immer wieder umkämpft war, ist das Ausmaß von Missbildungen am Herzen auf einem noch nie dagewesenen Niveau und 13 mal höher als in Europa.

Die japanische Gruppe „Human Rights Now“ (HRN) untersuchte ihrerseits die Aufzeichnungen über Missbildungen in Falludscha für einen Monat im Jahr 2013. HRN befragte zusätzlich Ärzte und Eltern und kam zu dem Schluss, dass es in der Zeit nach dem Krieg eine Häufung von Totgeburten und Missbildungen gab, die sowohl der Zahl als auch der Art nach beispiellos war.

Dennoch gilt das Gefährdungspotential der Uran-Munition als umstritten. Eine Untersuchung der WHO sollte die Frage klären.

Politisierter Bericht der WHO

Eine Studie der WHO, die im Jahr 2013 veröffentlicht wurde, gab – entgegen allen Erwartungen – Entwarnung. „Die Anzahl der Fehlgeburten, Totgeburten oder Missbildungen im Irak entspricht den Internationalen Werten – oder liegt sogar darunter …“

Diese Studie wurde von Experten als „unwissenschaftlich“ kritisiert. Dr. Keith Bavistock von der Abteilung für Umweltwissenschaften der Universität von Ost-Finnland hatte in der Vergangenheit auch für die WHO gearbeitet. Er kritisierte an der Studie der WHO u. a., dass sie nicht einmal versucht hatte, die Aufzeichnungen der irakischen Ärzte auszuwerten und sich stattdessen auf Befragungen von Müttern beschränkte. Dr. Bavistock hält den Bericht der WHO für sehr „verdächtig“.

Hans von Sponeck, ehemaliger Koordinator der UN für humanitäre Fragen im Irak, meint, dass die Diskrepanz zwischen den Aufzeichnungen der irakischen Ärzte und dem Ergebnis des Berichts der WHO öffentliche Skepsis rechtfertige. Er hatte schon zuvor erlebt, wie politischer Druck der USA eine Untersuchung zu den Folgen der Uranmunition im Süden des Irak unterbunden hatte.

Das Internationale Bündnis für die Ächtung von Uranmunition (ICBUW) hat die WHO aufgefordert, ihre Datengrundlage zu veröffentlichen, so dass sie einer transparenten Analyse unterzogen werden kann. Vergeblich.

Wenn die USA und Großbritannien, dessen Militär ebenfalls Uranmunition eingesetzt hatte, kritische Studien zum Thema Uranmunition behindern, geht es vor allem um wirtschaftliche Interessen. Würde die „Smoking Gun“ gefunden, der unmittelbare und ursächliche Zusammenhang zwischen Uranmunition, Krebserkrankungen und Missbildungen nachgewiesen, würden Schadenersatzklagen fällig – sowohl von militärischen als auch von den zahllosen zivilen Opfern der Uranmunition.

Auch um zu verhindern, dass dieser Zusammenhang eindeutig hergestellt werden kann, machen die USA keine Angaben, wo genau im Irak Uranmunition eingesetzt wurde.

Internationales Recht

Der Einsatz einer Waffe, die im dringenden Verdacht steht, die Umwelt zu zerstören und zu Missbildungen und Krebs zu führen, hat einen weiteren Aspekt: Die rechtliche Situation.

Artikel 35 des Zusatzprotokolls I zur Genfer Konvention von 1977 verbietet alle Methoden der Kriegsführung, die unnötige Verletzungen oder Leiden herbeiführen. Artikel 35 verbietet auch Maßnahmen, die umfangreiche oder langfristige Schäden an Gesundheit oder Umwelt hervorrufen. Und obwohl also rechtliche Möglichkeiten gegeben sind, verhindern die Anwender von Uranwaffen jede Beschränkung ihres Einsatzes.

2014 hatte die Regierung des Irak im Rahmen der UN verlangt, den Einsatz von Uranwaffen zu verbieten. Die Staaten, die solche Waffen eingesetzt hatten, sollten die Regierungen der betroffenen Länder darüber informieren, wo genau solche Waffen eingesetzt wurden und sollten dabei helfen, die betroffenen Gebiete zu dekontaminieren. 150 Staaten unterstützten in der Generalversammlung der UN diese Resolution – ohne weitere Folgen.

Zuletzt hatten die USA, die den Irak mit 1 000 Tonnen Uran-Munition bombardiert hatten, gemeinsam mit Israel, Frankreich und Großbritannien im November 2016 gegen eine UN-Resolution über Uran-Munition gestimmt – Deutschland enthielt sich.

Menschen und Orte

Der – wenn man es so nennen will – militärische Sinn der Uranmunition besteht darin, gepanzerte Ziele zu zerstören. Dies begründete den Einsatz von Uranmunition in Hadzici in Bosnien im August 1995. Dort gab es ein Panzerreparaturwerk und ein großes Waffendepot. Nach der Bombardierung wurden fast 4 000 Bürger von Hadzici nach Bratunac umgesiedelt, offenbar zu spät. Viele von ihnen starben an Leukämie, Krebs oder anderen Krankheiten, die auf die Folgen der Uranmunition zurückgeführt werden. Die angegebenen Zahlen über die Opfer sind bis heute sehr unterschiedlich. Der britische Journalist Robert Fisk schrieb schon im Januar 2001 in der britischen Tageszeitung „Independent“ von über 300 Toten, später wurden sehr viel höhere Zahlen genannt.

Im Irakkrieg wurde nach Auswertungen der schon oben genannten ICBUW nur ein Drittel der Uranmunition tatsächlich gegen gepanzerte Ziele eingesetzt. Die meisten Geschosse galten Gebäuden, Fahrzeugen und Infrastruktur, insbesondere in der Stadt Falludscha. Hier ist auch die Zahl der Missbildungen und Todesfälle besonders hoch.

Der Kampf gegen den IS in Mossul zog sich über Monate hin. Besonders fürchten die Iraker die Flugzeuge vom Typ A-10 Thunderbolt, die für die meisten Angriffe mit Uranmunition eingesetzt wurden. Sie wurden nun auch im Kampf um Mossul eingesetzt. Ob oder wie oft dabei Uranmunition eingesetzt wurde, bleibt das Geheimnis des US-Militärs. Für die Bevölkerung bleiben Angst und Schrecken. Wird es zu Totgeburten, Missbildungen und Krankheit kommen sind Fragen, denen sich in den betroffenen Gebieten niemand entziehen kann.

Auch in Syrien wurden die A-10 eingesetzt. Die Einwohner von Raqqa wussten um die vermuteten oder realen Folgen der Uranmunition. Wurde ihre Umwelt kontaminiert? Das US-Militär sagte zunächst: „Nein, wir setzen in Syrien keine Uranmunition ein“. Aber das waren Fake-News. Auch in Syrien setzten die USA Uranmunition ein. „Nur“ 1,5 Tonnen, wie sie später zugaben, also kein Vergleich zu den 1 000 Tonnen, die im Irak eingesetzt wurden. Aber niemand weiß, ob es eine Dunkelziffer gibt. Auch Parlamentarier aus mehreren Ländern (Niederlande, Belgien, Großbritannien) erhielten auf ihre Anfragen keine klare Antwort.

Deutungshoheit

Die USA und ihre Verbündeten haben die Deutungshoheit über die Krisen und Kriege, die sie produzieren – so können ihre Waffen gar nicht illegal sein. Scheinbar unabhängige Institutionen wie die WHO werden unter Druck gesetzt, UN-Resolutionen blockiert oder ignoriert. Große Teile der Medien besorgen den Rest. Angebliche Verstöße der „Schurkenstaaten“ werden skandalisiert, während der Einsatz von Waffen wie Uranmunition ignoriert wird. In einem Satz fasst es Wikipedia zusammen: „Uran ist aufgrund seiner Radioaktivität gefährlich und wie die meisten Schwermetalle chemisch giftig.“ Feinst verteilter Uranstaub ist unproblematisch? So sehen es nur die NATO-Staaten in der UN.

Wenige Medien berichten darüber und sollen hier auch einmal erwähnt werden – als Beispiel „The Guardian“ und „Heise.de“. Ansonsten sind die Massenvernichtungswaffen des Westens hierzulande ein Tabuthema.

Im Oktober 2014 stimmten Frankreich, Großbritannien, Israel und die USA in der UN-Vollversammlung gegen einen von 150 Staaten angenommenen Resolutionsvorschlag, nach dem Länder bei der Identifizierung und Beseitigung von Uran-Munition unterstützt werden sollten. Die Begründung der USA war – ganz im Sinne ihrer Deutungshoheit – dass es nach wissenschaftlichen Untersuchungen keine Hinweise auf gesundheitsschädliche Folgen gebe. Fälle, wie der Tod des italienischen Soldaten Leonardo Bucoliero und die ungezählten zivilen Opfer der Uranmunition in den Ländern, in denen die USA ihre Kriege führen, sprechen eine andere Sprache.

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"Tödlicher Staub", UZ vom 5. Januar 2018



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