Klaus Frieds Dokumentarfilm „Friendly Fire“ gibt vor, den Dichter Erich Fried als Vater, Exilierten, Intellektuellen und politischen Menschen sichtbar zu machen. Doch er bleibt oberflächlich, unpolitisch und erreicht keinen Zugang zu den entscheidenden Ebenen von Frieds Denken und Schreiben – zu dessen dialektischer Denkweise, präziser Sprache und kämpferischem Humanismus.
Erich Fried wurde 1921 in Wien als Sohn einer jüdischen Familie geboren. Schon früh interessierte er sich für Literatur und Theater, doch mit dem „Anschluss“ Österreichs 1938 wurde diese Jugend gewaltsam beendet: Sein Vater starb nach einem Gestapo-Verhör, Fried selbst gelang die Flucht nach England, wohin er später auch seine Mutter und weitere Verfolgte retten konnte. Im Londoner Exil schlug er sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten durch und engagierte sich zugleich in antifaschistischen Exilorganisationen wie dem „Freien Deutschen Kulturbund“, „Young Austria“ und zeitweise auch im Kommunistischen Jugendverband. Nach dem Krieg arbeitete Fried zunächst für verschiedene Zeitschriften und von 1952 bis 1968 für den deutschsprachigen Dienst der BBC, den er aus Protest gegen dessen antikommunistische Ausrichtung verließ. London blieb bis zu seinem Tod 1988 sein Lebensmittelpunkt.
„Friendly Fire“ streift wenige dieser Stationen, und nur beiläufig. Historische Aufnahmen, Erinnerungen von Angehörigen und Weggefährten bleiben anekdotisch. Viel Raum nimmt dagegen Sohn Klaus selbst ein: durch London fahrend, auf Berlin blickend, nach Spuren suchend. Der Film kreist um Nähe und Entzug innerhalb der Familie, nicht um das Werk, weder die politische noch die poetische Bedeutung Frieds.
Dabei wäre gerade diese Verbindung zentral gewesen. Fried wollte mit seinen Gedichten eingreifen, Widersprüche freilegen, Sprache gegen Herrschaft wenden. Er war ein dialektischer Denker: jemand, der aus Erfahrungen lernte, auch aus eigenen Irrtümern, und politische Positionen nicht als Glaubenssätze behandelte. Seine Lyrik lebt von Klarheit, Rhythmus und scheinbarer Einfachheit, hinter der präzises Denken steht. Dass Fried zugleich einer der bedeutendsten Shakespeare-Übersetzer ins Deutsche war, erfährt man im Film nicht. Unerwähnt bleibt, dass seine Übertragungen den Wortwitz und die rhythmische Präzision des Originals auf einzigartige Weise einfingen. Gerade diese Arbeit verrät viel über ihn: die Sensibilität für Sprachmusik, die Lust an Ambivalenzen, die Fähigkeit, politische und menschliche Konflikte in ihrer Tragik ernst zu nehmen, ohne sie zu vereinfachen. Auch seine Übertragungen des großen Walisers Dylan Thomas sind Meisterwerke, die in Klaus Frieds Welt offenbar keine Rolle spielen.
Frieds Londoner Domizil war ein Zentrum der Linken. Zu den zahlreichen Besuchern gehörten auch Angehörige der RAF (Astrid Proll wird von Klaus Fried in Berlin aufgesucht und bleibt ihm gegenüber misstrauisch). Fried wurde in den 1960er Jahren Mitglied der „Gruppe 47“ und entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer prägenden Stimme der internationalen Friedensbewegung, die den Vietnamkrieg und das atomare Wettrüsten entschieden kritisierte.
Der Film deutet dabei kaum an, dass Fried seine politische Haltung auch literarisch zugespitzt hat: Im Off werden etwa die Gedichte „Die Zeit der Pflanzen“ (1963), als Warnung vor der Logik des Krieges, sowie „Höre, Israel“ (1967) gelesen, in dem Fried scharf die zionistische Politik Israels angreift. Auch hier hätte der Film eine politische Verschärfung ansetzen können: Fried kritisierte als jüdischer Intellektueller die israelische Besatzungspolitik und den Zionismus – aus humanistischer und antifaschistischer Warte. Diese Position ist heute, wo jede Kritik an Israel sofort antisemitisch gebrandmarkt wird, dringlicher denn je. Der Film aber überlässt sie einer flüchtigen Erwähnung.
Der Film ist symptomatisch für die verharmlosende Fried-Rezeption: Wenig scheint von ihm übrig zu bleiben. Dass Fried ein scharfer Gesellschaftskritiker war, ein Gegner alter und neuer Nazis, ein Intellektueller, der Sprache als politische Praxis verstand, wird weggewischt. „Friendly Fire“ scheitert, weil Sohn Klaus Erich Fried weder als Lyriker noch als politischen Denker wirklich zu fassen bekommt. Wer wissen will, warum dieser Dichter bis heute herausfordert, ist mit seinen Gedichten und Essays besser bedient.
Friendly Fire
Regie: Klaus Fried
BRD/Österreich 2025, 109 Minuten
Im Kino








