Bereitet China bemannte Flüge zum Mond vor?

Langfristige Planung

Am Dienstag der vorigen Woche startete eine Rakete vom Typ „Langer Marsch 5“ vom chinesischen Raumfahrtbahnhof in Wenchang auf der Insel Hainan. Sie brachte das nach der chinesischen Mondgöttin benannte Raumschiff „Chang‘e 5“ auf den Weg zum Mond. Sollte die Mission erfolgreich verlaufen, dann würde die Wissenschaft nicht nur neue Erkenntnisse über unseren Trabanten gewinnen. China könnte, so Raumfahrtexperten, bereits in wenigen Jahren in der Lage sein, Menschen zum Mond zu entsenden.

„Chang‘e 5“ besteht nämlich aus einem Orbiter mit einer Rückkehrkapsel sowie aus einem Lander mit einer Aufstiegsstufe. Beabsichtigt ist, nach einer erfolgreichen Landung auf der Mondoberfläche in einem Vulkangebiet im „Ozean der Stürme“ auf der der Erde zugewandten Seite des Mondes einen Rover abzusetzen, mit einem „Arm“ etwa zwei Kilogramm Gestein zu sammeln sowie Proben aus Bohrungen zusammenzutragen und zu verstauen. Nach zwei Wochen Aufenthalt soll das eingesammelte Material mit der Aufstiegsstufe zum Orbiter transportiert und in die Rückkehrkapsel umgeladen werden, die, zum ersten Mal nach 44 Jahren, wieder Mondgestein zur Erde bringen soll. Die Apollo-Missionen hatten Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts Mondgestein zur Erde gebracht, die Sowjetunion erstmals 1972 mit Hilfe der Rückkehrkapsel der unbemannten Sonde „Luna 20“. Für die Erforschung des Mondes ist die aktuelle chinesische Mission deshalb interessant, weil es sich um Gestein aus einem geologisch relativ „jungen“ Gebiet handelt.

„Knackpunkt“ der aktuellen chinesischen Mission ist nicht die Landung. Darin haben die chinesischen Experten schon Erfahrung: Mit den erfolgreichen Landungen der dritten Mondsonde im Rahmen des Mondprogramms der Volksrepublik China, „Chang’e-3“ Ende 2013 sowie vor allem der Sonde „Chang’e-4“ auf der Rückseite des Mondes. Erfahrungen hat man auch beim Rover-Einsatz. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die Proben mit Hilfe eines komplizierten Manövers zur Erde zu bringen. Offenbar wird auf dieser Mission in diesem Zusammenhang erprobt, was für ein unbemanntes Vorhaben eigentlich unnötig ist: 1972 transportierte eine Rückkehrkapsel der „Luna 20“-Mission 150 Gramm Mondgestein ohne Rendezvousmanöver und „Umladen“ direkt zur Erde. Paolo Ferri, früherer Leiter des Missionsbetriebs der europäischen Raumfahrtagentur ESA, erklärte jetzt im Zusammenhang mit dem chinesischen Flug, der Ablauf gleiche dem ersten bemannten Raumflug zum Mond von Apollo 11 vor mehr als 50 Jahren. Allerdings sei heute die Technik viel weiter. Man vermutet deshalb, dass während der aktuellen Mission erprobt werden soll, was eines Tages für eine bemannte Landung auf dem Mond und die Rückkehr der Besatzung nötig ist. Schon 2013 hatte der Technische Direktor des chinesischen Mondprogramms gegenüber der Presse erklärt: „In unserem Land wurden umfassende Systeme zur Sondierung von Mond und Mars ins Leben gerufen. Dabei ist jeder Schritt die Grundlage für den nächsten. So wird beim Mondprojekt einer unbemannten Mission eine bemannte folgen. Das ist ein konsequenter Prozess.“

Mit der aktuellen Mission verwirklicht die Volksrepublik China ihr seit 1991 laufendes Programm zur Erforschung des Mondes, nutzt die inzwischen gewonnenen Erkenntnisse aber auch für die Exploration des Mars. In etwa zehn Jahren will China erstmals Menschen auf den Mond entsenden. Geplant ist, dort auch eine Forschungsstation zu errichten. Möglichst mit internationaler Beteiligung. Schritt für Schritt, aber mit großem Tempo, schließt man in relativ kurzer Zeit zu den großen erfolgreichen Raumfahrtnationen USA und Sowjetunion/Russland auf.

Aber wer weiß: Bei dieser Zielstrebigkeit und langfristigen wie umfassenden Planung ist bald vielleicht noch viel mehr möglich. Vor allem die USA sind wegen der erreichten Erfolge der chinesischen Raumfahrt sowie des Tempos ihrer Entwicklung „sehr beunruhigt“: China wolle den Weltraum dominieren, die USA müssten Gegenmaßnahmen ergreifen.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Langfristige Planung", UZ vom 4. Dezember 2020



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