Hamburger Polit-Showbiz

Klaus Wagener zu der Bilanz des G20-Gipfels in Hamburg zu der Bilanz des G20-Gipfels in Hamburg
|    Ausgabe vom 14. Juli 2017

Wer so handelt, stellt sich außerhalb unseres demokratischen Gemeinwesens.“ Die Kanzlerin konnte sich auf die kalkulierte Konflikt­eskalation im Vorfeld des G20-Gipfels verlassen. Wenn es denn eine alles überlagernde Botschaft dieses Gipfels gab, dann die, dass Kritik an der „Globalisierung“, an den Exzessen des entfesselten Kapitalismus illegitim ist. Und zwar ganz gleich von welcher Seite auch immer. Das gilt für die „linke Krawallszene“ ebenso wie für „Brexit-Premier May“ und den von Putin gesteuerten „Trump im Porzellanladen“.
Vertreter von 122 Staaten haben sich letzten Freitag in New York auf einen Vertragsentwurf zum Verbot von Atomwaffen geeinigt. Im Rahmen der dafür legitimerweise zuständigen UNO. Wird er von mehr als 50 Staaten ratifiziert, tritt er in Kraft. Angesichts des atomaren Overkills eine eminent wichtige Initiative. Wie zu erwarten war dies der „vierten Gewalt“ der „westlichen Wertegemeinschaft“ ebenso kaum eine Zeile wert, wie der „Not Welcome“-Protest der 76 000. Stattdessen beherrschte die gigantische Hamburger Polit-Showinszenierung sämtliche Kanäle.
Das Kommunique glänzt mit den üblichen, unverbindlichen G20-Floskeln, die einen Haufen herer Absichten verkünden, die niemanden wehtun und alles so weitergehen lassen wie bisher: Freie Bahn für die Finanzindustrie und die transnationalen Multis. Die ach so liberalen und demokratischen Medien und Politiker des „Freien Westens“ verteidigen weiterhin hingebungsvoll das Glaubensbekenntnis des „Washingtoner Consensus“. Die dabei entstehenden Ungleichgewichte, Defizite, Überschuldungen, Pleiten, Krisen und Kriege sind halt Pechsache. Dumm nur, dass sich mittlerweile so viele US-Bürger als Globalisierungsverlierer fühlen, dass sie Wahlen gewinnen können.
Glücklicherweise konnte der US-Präsident als Umweltschwein markiert werden. So etwas ist immer praktisch; die eigenen Skandale sehen dann viel netter aus. Dass der entfesselte Kapitalismus, ob mit oder ohne Pariser Klimaabkommen, unfähig ist die Klimakatastrophe zu verhindern, bedarf an diesem Ort ja kaum der Erwähnung.
Das G20-Format wurde populär, als das Finanz-Casino sich verzockt hatte und Hunderte Milliarden zur Rettung der Banken locker gemacht werden sollten. Die Chinesen hatten Geld, und waren bereit ein gigantisches Konjunkturprogramm aufzulegen. Das kam gerade recht. Da waren auch noch ein paar warme Worte zur Multipolarität drin. Zehn Jahre später hat das Hunderte Millionen teure Hamburger Showbiz nicht einmal ein paar „Peanuts“ für die Allerärmsten, für die Verhungernden in Ostafrika, übrig. Die zahllosen Toten des Global War on Terror interessieren ohnehin niemanden.
Naja, es ist nicht alles schlecht. Donald Trump konnte mit dem Ultrabösen reden. Mehr als zwei Stunden. Das offenbar aufschlussreiche Treffen mit einem aufgeräumten Putin wäre in Anbetracht der gegenwärtigen US-Russenparanoia in Moskau oder Washington kaum denkbar gewesen. Es soll eine Vereinbarung zu einem Teilwaffenstillstand im Südwesten Syriens dabei herausgesprungen sein. Würde das Realität und nicht im „friendly fire“ des Pentagon zerschossen, wäre man schon fast geneigt, den übrigen Klamauk als notwendigen Beifang zu akzeptieren. Das syrische Volk hat schon viel zuviel gelitten.


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Leserbrief zu »Hamburger Polit-Showbiz«, UZ vom 14. Juli 2017





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