Vielen wird es egal sein

Georg Fülberth zur Rente mit 69
|    Ausgabe vom 2. September 2016

Die Bundesbank schlägt vor, das Renteneintrittsalter auf 69 Jahre zu erhöhen. Die SPD ist dagegen und hält die Anhebung auf 67, die sie unter Schröder durchsetzte, für ausreichend. Sie rechnet es sich als Verdienst an, dass neuerdings Menschen mit 45 Beitragsjahren sich schon mit 63 zur Ruhe setzen könnten. So richtig will der Streit nicht in Gang kommen. Zu bekannt sind mittlerweile die Argumente für und wider.
Für: Die Menschen werden älter, die Geburtenrate ist niedrig, absehbar müssten immer mehr Alte durch immer mehr Junge unterhalten werden. Bei längerer Lebensarbeitszeit könne ein paar Jahre länger in die Rentenkasse ein- und müsse später daraus ausgezahlt werden.
Wider: Setzen sich die Alten später zur Ruhe, bleiben Arbeitsplätze für die Jungen blockiert, und Letztere zahlen dann auch noch nicht ein. Das demografische Problem kann durch Zuwanderung entschärft werden. Außerdem erlaube es die steigende Arbeitsproduktivität, dass auch bei geringerer Erwerbstätigenzahl immer mehr Rentner(innen) versorgt werden können. Sinnvoll wäre es, wenn künftig alle Einkommensarten – nicht nur die bisher Sozialversicherungspflichtigen, sondern auch Beamte, Selbstständige, Bezieher(innen) von Mieten und sonstigen Einkünften von Vermögen je nach Leistungsfähigkeit einzahlen und gemäß ihrem Bedarf Leistungen empfangen.
Das wäre Umverteilung von oben nach unten, und die ist aufgrund der bestehenden Machtverhältnisse tabu. Wer lange genug mit dem Kopf an die Wand gerannt ist, lässt es irgendwann bleiben und resigniert. Der politische Druck ist aus zwei Gründen gering. Für nicht wenige der jetzigen Rentner(innen) ist die Lage erträglich. Es reicht noch. Viele Junge kümmern sich nicht um ihre künftigen Alterseinkünfte, denn bis dahin wird es lange dauern. Ein Blick auf ihre aktuellen Lohn- und Gehaltskonten zeigt ihnen, dass es ihnen ziemlich egal sein kann, wie hoch das gesetzliche Renteneintrittsalter sein wird. Das Erwerbseinkommen der jetzigen beruflich aktiven Generation ist deutlich niedriger als das ihrer Vorgängerinnen. Dementsprechend niedrig werden auch ihre Rentenanwartschaften sein. Deshalb wird seit Langem für private Zusatzversicherungen geworben. Wer aber nicht genug verdient, kann sich auch diese nicht leisten und wird im Alter arbeiten müssen, bis er oder sie umfällt, gleichgültig, wie hoch das offizielle Renteneintrittsalter sein wird.


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